Gespeichert von LittleBuddha am Fr, 24.08.2007 - 16:32:16

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Saskia dreht ihre letzten Runden, ringt nach Luft und ist der Erschöpfung nahe. »Vor dem Schlafengehen wird das hyperaktive Mädchen ausgepowert« erklärt der Erlebnispädagoge Osik Mert. Die 12-jährige leidet seit ihrer Geburt Gen bedingt an der Stoffwechselstörung ADHS. »Das Aufmerksamkeitsdefizit Syndrom (ADHS), im Volksmund gerne als „Zappelphilipp Syndrom“ bezeichnet, schafft für die betroffenen Kinder und Jugendlichen einen unerträglichen Defizit Mix aus Unruhe, Lernstörungen und Wahrnehmungsproblemen« sagt der Leiter von „You Boot“ Dr. Rolph Wegensheit.

Während in Heimen, sozialpädagogischen Wohngruppen oder Kinderdörfern meist zur medikamentösen Behandlung von ADHS mit dem so genannten Methylphenidat Wirkstoff gegriffen wird, sind derartig stimulierende Behandlungen mit Ritalin oder Concerta (beide enthalten diesen Wirkstoff) bei „You Boot“ tabu. Die schwedische Idee unter Berücksichtigung ganzheitlicher Therapieformen wie Ergotherapie, Neurofeedback Therapie oder Sunflower Therapie ist Programm. »Sogar Selbsthilfegruppen greifen unsere Behandlungspläne auf. Dazu gehört natürlich zu jedem Kind der persönliche Ernährungsplan« erzählt der Kinder- und Jugendpsychologe vom Erfolgskonzept.

Besonderes Augenmerk legt die Einrichtung auf ein vielseitiges Betreuungsangebot. Nicht nur verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, sondern auch Mädchen und Burschen mit Essstörungen und Suchterkrankungen, finden den Weg zu „You Boot“. Wegensheit »Im Gegensatz zum herkömmlichen Wesen der Freien Jugendhilfe, kommen die Eltern direkt mit ihren Problemkindern zu uns. Bezahlt wird der Aufenthalt durch die Krankenkasse«

Maximal ein Jahr leben die Kinder und Jugendlichen im Alter von 8 bis 18 Jahren auf dem 20 Hektar großen Areal. Eine psychosoziale und medizinische Abteilung bieten dabei den Kern der Einrichtung mit angeschlossenem Schulbetrieb. Dort erfahren lernschwache Patienten dank „Core Learning“ ein neues Konzept zum erfolgreichen Lernen. »Ehemalige Kinder unserer Einrichtung haben bereits maturiert« zeigt sich Dr. Rolph Wegensheit über seine Schützlinge sichtlich erfreut.

In Familienwohngruppen, sie werden jeweils von einem männlichen und einem weiblichen Sozialpädagogen geführt, finden durchschnittlich 4 bis 6 Jungen und Mädchen Platz. Soziales Miteinander steht dabei an oberster Stelle, wie Aren Pilkes, der Pädagogische Leiter von „You Boot“ die Koedukative Wirkung erklärt »Die Übernahme von Haushaltsdiensten, gemeinsame Freizeitgestaltung oder gegenseitige Hilfestellungen unter den Kindern und Jugendlichen sind Alltag«

Zur allgegenwärtigen Erfolgsquote zeigt sich Wegensheit äußerst positiv »Bis jetzt haben wir noch keines unserer Schäfchen verloren« Während die Kinder und Jugendlichen beispielsweise den Umgang mit ihrem „ADHS Problem“ lernen, erfahren die Eltern selbst wie sie ab sofort mit ihrem Kind ein besseres Leben meistern können. »Wir geben keine Erziehungskurse, aber einfache Tipps für ein harmonisches Miteinander« gibt der Pädagogische Leiter von „You Boot“ klar zu verstehen.

Aber auch in Österreich könnte das Modell Schule machen und zusätzlich in Punkto steigender Jugendkriminalität für Gesprächsstoff sorgen. »Wir prüfen derzeit das Tätigwerden als Freier Träger der Jugendwohlfahrt oder Klinikum« zeigt sich der kaufmännische Direktor Walker Snörs über mögliche Expansionspläne zuversichtlich.

Derzeit werden in Österreich auch Jugendliche inhaftiert oder schwerwiegende Problem-Kids, wie der 13-jährige Rene aus Klagenfurt, in die Kinder- und Jugendpsychiatrie geschickt. Viele Mitwirkende der hiesigen Jugendwohlfahrt fordern bereits seit Jahren eine Veränderung. Laut darüber nachdenken will aber bis heute keiner. Zumindest schildert ein Sozialarbeiter aus Innsbruck die prekäre Situation »Viele der straffällig gewordenen Jugendlichen kommen aus zerrütteten Familien, sind teilweise psychisch krank und brauchen dringend Hilfe. Als einzigen Ausweg sehen wir dann die Unterbringung in der Psychiatrie oder einem Kinderheim. Doch sobald die Kids volljährig sind, haben wir keinen Zugriff mehr und viele kommen aufgrund neuer Delikte ins Gefängnis«

Wegensheit sieht auch keinen Sinn, Jugendliche ins EU-Ausland zu schicken »Ich halte nichts von diesen Projekten. Die Angebote stammen meist von deutschen Jugendhilfe Organisationen wie „Weg-EV“, denn in Österreich bietet derzeit keine Organisation diese Projekte an. Mit Kosten von rund Euro 15.000,00 pro Kind und Monat mehr als fragwürdig«

Saskia wird noch einige Monate bei „You Boot“ verbringen und ihr gefällt der Tapetenwechsel »Ich bin nicht mehr so aggressiv und habe meine Wutanfälle schon ganz gut unter Kontrolle« Saskias Eltern freuen sich über die Entwicklungen ihrer Tochter »Früher wäre ein tägliches Miteinander ohne Medikamente fast unmöglich gewesen. Heute zeigen die Therapien und eine aktive Auseinandersetzung mit unserer Tochter einschneidende Veränderungen«

Quelle: Nachrichtenmagazin Xlarge