Gespeichert von reichmann am Fr, 20.08.2010 - 01:35:03

Patchwork FammilieIst Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.

19. August 2010 Alle sind glücklich. Denn wir haben ein neues gesellschaftliches Ideal gefunden: die Patchworkfamilie. Das Wort klingt nach Sommerferienlager, und die Fotostrecken in den Zeitschriften zeigen fröhliche Menschen, die sicher im Leben stehen und jedes Problem lösen, bevor es überhaupt da ist. Ihr Motto lautet Leichtigkeit. Die Menschen heißen Demi Moore, Heidi Klum oder Boris Becker, sie heißen Christian und Bettina Wulff. Sie wohnen in Hollywood oder im Schloss Bellevue. Sie rufen uns winkend entgegen: Patchworkfamilien sind super!

„Wir können das Leben nicht einfach wieder dort aufnehmen, wo wir es einmal fallengelassen haben“, schrieb die Schriftstellerin Marion Titze einmal in einem wunderbaren Text in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. In diesem Satz verbirgt sich die einfache Wahrheit, dass unser Handeln immer Folgen hat. Die Folgen können harmlos sein oder katastrophal. Sicher ist, dass irgendjemand immer den Preis dafür zahlen muss.

In unserer Unverbindlichkeitswelt ist das ein hässlicher Gedanke. Zu ihren Spielregeln gehört, dass wir unser Leben auch mal fortspülen lassen können wie eine Lehmhütte vom Regen. Denn wir glauben, dass uns Besseres zusteht – ein besserer Beruf oder eine bessere Wohnung, ein Partner, der uns besser erkennt, versteht, unterstützt. Die Liebe darf im bonbonbunten Patchworkidyll nicht Prosa, sie muss Poesie sein und die Familie so unbeschwert wie ein Geburtstagsfest. Bis dass der Tod uns scheidet, hört sich schon lange nicht mehr wie ein Versprechen. Es ist eine Drohung.

Sie sollten es sich nicht so leicht machen

Im Grunde betrachten wir unser Leben, als handele es sich um ein Wirtschaftsunternehmen. Das Ziel ist, es ständig zu optimieren. Die wichtigste Frage lautet: Wo setze ich am besten an? Dafür gibt es ein Wort, es heißt Selbstverwirklichungsmanie. Mit Kindern wird das System um uns herum allerdings komplexer, und die McKinsey-Idee funktioniert nicht mehr so gut.

Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen. Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder. Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden. Sie haben Probleme, Nähe aufzubauen und Menschen zu vertrauen. Sie wissen nicht, wie sich Familie anfühlt, sie haben es nie gespürt. Eine Scheidung ist eine Selbstverständlichkeit und kein Schicksalsschlag mehr. Für ein Kind ist sie eine Tragödie. Dass heißt nicht, dass Menschen, deren Liebe tot ist, die einander bekriegen, der Kinder zuliebe zusammen bleiben sollten. Es heißt nur, dass sie es sich nicht so leicht machen sollten. Jede dritte Ehe wird geschieden, und selten werden kritischen Fragen gestellt. Stattdessen klopft man einander aufmunternd auf die Schulter. Den Kindern verschreiben die Ärzte notfalls Therapien und Medikamente, die den Serotoninspiegel ins Gleichgewicht bringen, damit sie konzentrierter lernen können.

Scheidungskinder mussten früher nach Scheidungskindern suchen

Die siebziger und achtziger Jahre, in denen sich die geschiedenen Väter aus dem Staub gemacht und am anderen Ende Deutschlands eine neue Existenz aufgebaut haben, sind vorbei. Das war die Generation der Weihnachts- und Geburtstagsväter, die ungern Unterhalt zahlten und nicht zum Abschlussball ihrer Kinder anreisten. Damals mussten Scheidungskinder in der Schule nach anderen Scheidungskindern suchen. Jetzt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie nebeneinandersitzen.

Die Väter sind heute anders. Auch für sie gibt es ein Wort, sie heißen „die neuen Väter“. Sie nehmen Elternzeit, wickeln ihr Baby und wissen, wo sie den Tortenheber finden. Nach einer Trennung verstehen sie sich weiterhin gut mit ihren Exfrauen. Jeder darf mitentscheiden, ob der Nachwuchs dem Gymnasium gewachsen ist oder nicht, und Wochenenden und Urlaube mit ihm verbringen. Dabei lernen die Kinder die neuen Partner und deren Kinder kennen. Viele Bindungen sind wertvoller als wenige, sagen Psychologen. Die quality time zählt. Am Ende haben wir uns eine Infrastruktur des guten Gewissens zusammengebastelt und uns selbst betrogen. Denn schon bei der nächsten Generation fällt diese Konstruktion in sich zusammen.

„Ein beschissenes Spiel“

Die Behauptung, es gebe auch gute Scheidungen, ist absurd. Wer das glaubt, sollte das Buch „Kind sein zwischen zwei Welten: Was im Inneren von Scheidungskindern vorgeht“ der Sozialforscherin Elizabeth Marquardt lesen. An der grundsätzlichen Haltung, die wir unseren Kindern mit einer Scheidung vermitteln, hat sich seit den siebziger und achtziger Jahren nichts verändert. Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. In jedem Augenblick kann alles auf den Kopf gestellt werden. Das ist ein Schock. Mit ihm verlieren sie ihr Urvertrauen. Die Behaustheit bekommt einen Riss, der sich nicht kitten lässt, weshalb sich ein Teil von ihnen immer einsam fühlen wird. Vielleicht ist das die tiefste Wunde, die die Erfahrung des frühen Verlassenwerdens hinterlässt.

In dem großartigen Film „Der Tintenfisch und der Wal“ von Noah Baumbach gibt es eine Szene, in der die Berkmans ihren Söhnen Walt und Frank mitteilen, dass sie sich trennen. Eigentlich werde sich gar nicht viel ändern, sagen sie, nur würden sie eben in Zukunft die eine Hälfte der Woche bei der Mutter und die andere beim Vater verbringen. Weil die Woche sieben und nicht acht Tage hat, greift die Donnerstagsregelung, die besagt, dass der Vater die Kinder dienstags, mittwochs, samstags und jeden zweiten Donnerstag sieht. Den Rest der Zeit hat die Mutter sie für sich. Später trifft Walt einen Freund, dessen Eltern ebenfalls geschieden sind, so dass er zwischen ihnen pendelt. Er weiß schon, was Walt und Frank erwartet: „Das gemeinsame Sorgerecht ist ein beschissenes Spiel“, sagt er.

Das gemeinsame Sorgerecht ist wertvoll. Die kürzlich gefällte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass das Sorgerecht bei unverheirateten Eltern in Zukunft nicht automatisch der Mutter zugesprochen wird, ist es auch. Traurig ist, dass es so weit kommen musste.

In der Familie hinterfragt man sich, stellt sich aber nicht in Frage

Bevor wir in naher Zukunft über die Familie wie über einen Kassettenrecorder reden, ein putziges Relikt aus ferner Zeit, erinnern wir uns einmal kurz daran, was Familie bedeutet. Familie heißt Heimat. Das ist ihre Idealvorstellung. Sie ist der geschützte Ort, an dem wir von Eltern und Geschwistern umgeben in das Leben hineinwachsen und unsere Individualität entwickeln. Wir beobachten, wie die Beziehung unserer Eltern funktioniert, und spiegeln uns in ihnen. Dabei wundern wir uns zwar, wie der Vater es mit der Mutter aushalten kann und umgekehrt. Gleichzeitig sehen wir, dass sie es miteinander aushalten, trotz allem. Ihr Streit gefährdet nicht die Fundamente. Klar will man oft fortlaufen, weil alles eng ist, auf klaustrophobische Weise bedrückend. So ist das mit fast allen Dingen, die einen in unmittelbarer Nähe umgeben, mal liebt man sie, mal hasst man sie.

Im besten Fall ist die Familie eine Trutzburg, wehrhaft nach außen, verschworen nach innen. Als Erwachsene können wir uns dorthin flüchten und Trost suchen oder Erinnerungen finden, je nachdem. Sie steht für Sicherheit, Geborgenheit und Solidarität. Man hinterfragt den anderen, aber man stellt ihn nicht in Frage. Sie ist ein Ganzes, während die Patchworkfamilie in lauter Teile zerfällt, die zwar irgendwie miteinander verbunden sind, aber so lose, dass die Verbindungen gefährlich leicht reißen. Niemand bestreitet, dass man sein Glück auch in einer Patchworkfamilie finden kann. Sie ist nur nicht von vornherein die beste Lösung.

Die Frage, ob die Mutter sympathisch ist oder unsympathisch, stellt sich einem Kind nicht. Die Frage, wie es sich mit der neuen Freundin des Vaters verhält, stellt sich einem Patchworkkind schon. Die Patchworkfamilie zwingt die Kinder dazu, ihre Gefühle permanent einem Zeitplan zu unterwerfen. Das tut die Familie nicht. Wer seinen Vater nur jedes dritte Wochenende in München sieht, darf sich nicht dienstags wünschen, mit ihm ins Kino zu gehen und ihm mittwochs einen Gutenachtkuss zu geben. Er muss warten. In seinem Buch „Die Liebe der Väter“ schreibt Thomas Hettche: „Tatsächlich haben mich Frauen, die ohne ihren Vater aufgewachsen sind, immer am meisten beeindruckt, sind sie doch oft auf eine klare Weise rational, der man anmerkt, dass sie sich die Rationalität ihrer Väter selbst haben erfinden müssen.“ Zur Nüchternheit, zur Gefühlsrationalität sind sie viel zu früh erzogen worden.

Es dauert eine Zeit, bis sich in einer Familie Rituale durchsetzen. Irgendwann sind bestimmte Dinge einfach so. An Weihnachten gibt es immer Schnitzel, und an den Ästen des Baums hängen Strohsterne. Einmal im Jahr trifft man sich zum Grünkohlessen. Dann kommen alle an einem Ort zusammen, dann sitzen mehrere Generationen beieinander, und nebenbei besichtigt man seine eigene Geschichte und verklärt die Kindheit. Erzählt man einem Patchworkkind davon, denkt es vielleicht an französische Filme über Großfamilienfeiern. Sonst denkt es an nichts. Man erfährt sich in einer Familie als Teil eines Koordinatensystems aus Eltern und Großeltern, Geschwistern und Enkeln, Onkeln und Tanten, Neffen und Nichten. Man sitzt zwischen all diesen Menschen und denkt vielleicht daran, wie es in zehn Jahren sein wird oder in zwanzig oder in dreißig. Das ist kein schlechter Gedanke.

FAZ | Melanie Mühl