Gespeichert von reichmann am So, 13.04.2014 - 13:59:36

Schloss Wilhelminenberg

Mach jahrelanger Untersuchung geht es im Missbrauchs- und Vergewaltigungsverfahren endlich weiter. Derzeit läuft ein Vorverfahren am Landesgericht Wien gegen ehemalige Erzieherinnen. Die Vorwürfe wiegen schwer.

Die Vorbereitung auf einen Prozess gegen Erzieherinnen des 1977 geschlossenen Kinderheims am Wiener Wilhelminenberg sind im Laufen. Die Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren mit 16 Beschuldigten.

Vergangenen Mittwoch wurden die Vernehmungen am Wiener Landesgericht fortgesetzt; und der Schreiber dieser Zeilen des Verhandlungssaales verwiesen. Kurioserweise aber erst nach der via Video übertragenen (sogenannten kontradiktorischen) Stellungnahme eines ehemaligen Heimkindes.

Zuvor haben vier Beschuldigte den Verhandlungssaal 210 im Landesgericht betreten. "Die kann sich net amal erinnern, wann sie im Heim war und erfindet solche Geschichten", weiß Gerlinde R., 71, eine der Beschuldigten, schon vor Verhandlungsbeginn über jene Frau, die als Zeugin auftreten wird.

Gerlinde R. und ihre drei Sitznachbarinnen haben eine gemeinsame Vergangenheit: Sie waren in den 1960er- bzw. 70er-Jahren Erzieherinnen im Kinderheim Wilhelminenberg. Am Mittwoch teilten sie sich eine Bank im Gerichtssaal.

Das Opfer spricht

Obwohl – da bekanntlich nicht-öffentlich – nicht über den Inhalt der Vernehmung geschrieben werden darf, kann an dieser Stelle über die Erinnerung des Opfers an den Wilhelminenberg berichtet werden. Das ehemalige Kind vom Wilhelminenberg, eine 57-jährige Frau aus Wien, stand dem KURIER nach der Verhandlung Rede und Antwort und schilderte im Beisein ihrer Psychotherapeutin, was sie vor allem Erzieherin Gerlinde R. vorwirft: "Wenn man gelogen hat, hat sie einen ins Waschbecken getaucht. So lange, bis man keine Luft mehr bekommen hat. Immer und immer wieder."

Gerlinde R., bekannt als "Schwester Linda", habe sie an den Haaren vom Stockbett heruntergezogen, sodass sie auf den Rücken geknallt sei. Ihre extremen Rückenbeschwerden führt die 57-Jährige auf die Zeit am Wilhelminenberg, wo sie neun Jahre ihrer Kindheit verbrachte, zurück. An Misshandlungen anderer Erzieherinnen sowie sexuellen Missbrauch könne sie sich nicht erinnern.

Vor allem gegen Gerlinde R., die 1988 mit Dank und Anerkennung in den Ruhestand geschickt worden ist, gibt es massenhaft Vorwürfe ehemaliger Heimkinder.

So sagte Eva L. (Name von der Redaktion geändert), die im Herbst vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt hat: "Die Schlimmste, die Linda, hat auf jeden Fall davon gewusst, dass wir vergewaltigt wurden." Ihre Schwester schildert, dass Kinder von Linda mit nassen Handtüchern verprügelt wurden.

Kein Herz im Leib?

Judith L. wiederum, die am kommenden Mittwoch aussagen wird, sagte im KURIER: "Wir wurden hauptsächlich von Linda aus dem Zimmer geholt und dann von Männern vergewaltigt." Jutta H., die am Dienstag ihre Aussage macht, meint: "Ich würde Linda fragen, was sie empfunden hat, was man da einem Kind angetan hat, ob sie kein Herz im Leib hat. Jetzt heißt es nur, ,es ist verjährt‘. Nicht nur die Vergewaltigungen, auch die Brutalität: Wir wurden geschlagen, eingesperrt, ins Wasser getunkt."

Nach den nächsten Einvernahmen wird die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob es zu einem Prozess kommt. Während Anwalt Erich Schillhammer davon ausgeht, dass die Suppe für ein Verfahren zu dünn ist (siehe unten), hofft Opfer-Anwalt Johannes Öhlböck, die Verjährungsfrist durch die Aussagen der Betroffenen zu Fall zu bringen.

Gerlinde R. wies bereits vor zweieinhalb Jahren im KURIER alle Vorwürfe zurück.

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