Submitted by reichmann on Fr, 09.07.2010 - 17:28:44

Falschgutachtern"Da bekomme ich ihn nicht mehr heraus": Im Leipziger Michelle-Prozess zeigte sich, wie schwer sich Verteidiger inzwischen mit Gutachtern tun. Die Juristen wollen ihre Mandanten unbedingt vor einer Einweisung in die Psychiatrie bewahren. Das Motto: lieber Knast als Klapse.

Leipzig - Das billige Schlagwort vom "Wegsperren für immer" ist nicht auszurotten. Auch nach dem gewaltsamen Tod der achtjährigen Michelle aus Leipzig am 18. August vorigen Jahres waren sofort wieder Stimmen laut geworden, der Schuldige dürfe nie wieder in Freiheit kommen.

Auf Wahlplakaten in der Umgebung des Leipziger Gerichts, das den Fall ein halbes Jahr nach Festnahme des Täters verhandelte, wurde während der Hauptverhandlung die "Höchststrafe für Kinderschänder" gefordert und dass es keine Gnade geben dürfe für sie.

Auch die Eltern des getöteten Mädchens appellierten an die Richter, den inzwischen 19-jährigen Angeklagten "so lange wie möglich wegzusperren". Eine Verurteilung nach dem Jugendstrafgesetz - hier beträgt die Höchststrafe zehn Jahre - erschien vielen Menschen als unannehmbar. Es stand zu befürchten, dass das Gericht im Fall einer "milderen" Entscheidung massiven öffentlichen Protesten ausgesetzt sein würde.

Doch dann kam es ganz anders. Die 3. Strafkammer des Leipziger Landgerichts verurteilte am vergangenen Freitag Daniel V. wegen Mordes in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung fast zur Höchststrafe, doch nach dem Jugendstrafgesetz, und verhängte "nur" neuneinhalb Jahre - ohne dass es zu einem öffentlichen Aufschrei gekommen wäre. Denn wer den Prozess verfolgt hatte, dem war längst klar geworden, dass dieser vielfach beeinträchtigte und unreife Angeklagte noch lange nicht mit einem erwachsenen Täter gleichzustellen ist.

Ein Umstand beunruhigt

Alles in Ordnung also? Ein Umstand, den das Gericht in seiner mündlichen Urteilsbegründung nur streifte, beunruhigt. Daniel V. hat sich auf Rat seines Verteidigers nicht begutachten lassen, obwohl mit dem Jugendpsychiater Michael Günter von der Universität Tübingen ein Fachmann allerersten Ranges dafür ausgewählt worden war.

Natürlich hat ein Sachverständiger Einblick in die Akten. Natürlich hört er, was vor Gericht Zeugen über den Angeklagten berichten. Er kann ihn beobachten, kann vorsichtige Schlüsse ziehen und sich ein mehr oder minder genaues Bild machen etwa von der Reife eines jungen Mannes, bei dem Trisomie 8, eine genetische Veränderung, festgestellt wurde und dessen Erfahrungshorizont über den engsten Familienkreis bei "Mutti" und Großmutter nicht hinausreicht.

Natürlich wird ein Sachverständiger hellhörig, wenn er erfährt, dass Sexualität in dem vaterlosen Haushalt, in dem V. aufwuchs, nie Thema war und "Mutti" froh war über sein angebliches Desinteresse an Mädchen. Dass der Angeklagte schon als Kind immer anders war als andere, dass er sich übermäßig leicht provozieren ließ, zu unangemessenen Affektausbrüchen neigte und die Kontrolle über sich verlor, wenn unerwartete Situationen eintraten, kommt hinzu.

"Deutlich eingeschränkte Empathiefähigkeit"

Doch für eine gründliche Erforschung der Gedankenwelt eines Sexualtäters und eine fundierte Einschätzung seiner Persönlichkeit reicht dies nicht. Günter fiel bei V. eine "deutlich eingeschränkte Empathiefähigkeit" auf, er reagiere offensichtlich unbeherrscht, kopflos und wild gestikulierend, könne sein Verhalten nicht einschätzen. V. leide vermutlich an einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung mit möglicherweise stereotypen, abnormen Verhaltensmustern. Ob bereits eine "fixierte Perversion" vorliege, könne man ohne genaue Untersuchung nicht sagen, erklärte der Sachverständige dem Gericht.

Als "Arbeitshypothese" trug Günter vor, dass V. aus Angst vor Ablehnung durch Gleichaltrige möglicherweise auf vermeintlich Schwächere, nämlich Kinder, ausgewichen ist mit seinem Wunsch nach einem ersten sexuellen Kontakt.

"Gerade bei Jugendlichen und Heranwachsenden besteht ja oft eine ganz andere Vorstellung vom Ablauf. Wenn das Mädchen dann versucht wegzulaufen oder zu schreien, kommt es zu einer heftigen Irritation des Täters." Bei V. sei eine latente Aggressivität vorhanden und durch jahrelange Hänseleien und Demütigungen auch eine "nagende Wut", die sich dann dramatisch entlud.

Eine "Perversionsentwicklung" konnte Günter bei V. weder ausschließen noch bestätigen. Ob dessen Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit möglicherweise erheblich eingeschränkt war, "das weiß ich ohne Untersuchung einfach nicht", sagte der Psychiater. Ebenso sei eine Prognose, wie gefährlich V. ist, "extrem schwierig".

Sexuelle Phantasien

Wenn V.s sexuellen Phantasien, was anzunehmen ist, mit aggressiven Phantasien gekoppelt seien und seine soziale Kompetenz weiter eingeschränkt bleibe, bedeute das ein hohes Risiko. "Eine Begutachtung wäre unbedingt nötig gewesen", so Günter vor Gericht. V. müsse zumindest "angemessen behandelt" werden.

Doch was heißt "angemessene Behandlung"? Verteidiger Malte Heise, gewiss ein redlicher Leipziger Anwalt, der wohl einschlägige Erfahrungen gemacht haben wird, wollte seinen Mandanten vor einer Einweisung in die Psychiatrie bewahren, die er offenbar fürchtete, falls V. von Günter begutachtet worden wäre. "Da bekomme ich ihn nicht mehr heraus", sagte Heise. V. sei besser in einer sozialtherapeutischen Einrichtung aufgehoben, in der seine Reifungsdefizite behandelt werden könnten.

Doch was, wenn V. tatsächlich ein Kandidat für eine Unterbringung in der Psychiatrie auf unabsehbar lange Zeit sein sollte? Kann ein Verteidiger, und Heise ist längst nicht der einzige Strafverteidiger, der so denkt und handelt, ein solches Risiko in Kauf nehmen? Die Analyse der Psyche eines Straftäters ist nicht Sache von Juristen. Doch die Angst der Strafverteidiger vor den Psychiatern ist seit der Parole vom "Wegsperren für immer" weit verbreitet.

Chancen auf vorzeitige Entlassung

V.s Sozialverhalten lässt sich möglicherweise entwickeln. Er wird sich, da er feste Regeln zur Stabilisierung seiner Selbstkontrolle schätzt, in jeder Einrichtung gut führen. Damit steigen die Chancen auf eine vorzeitige Entlassung.

Ob in einer sozialtherapeutischen Anstalt die unterbliebene Begutachtung aufgefangen werden kann und V. richtig eingeschätzt und behandelt wird, steht dahin. Es soll nicht der Teufel an die Wand gemalt werden. Doch V. hat Michelle nicht nur vergewaltigt. Er hat sie zuvor massiv geschlagen, gewürgt und ihr beim Einflößen von Alkohol Zähne eingeschlagen, um sie am Schreien zu hindern.

Ob solche Handlungen zu seinen Phantasien gehörten, weiß kein Mensch. So bleibt nicht mehr als die vage Hoffnung, dass V. in der richtigen Einrichtung vielleicht an den richtigen Therapeuten gerät, der ihn richtig behandelt und schließlich zu einer richtigen Entscheidung beitragen wird.

Vielleicht.

www.spiegel.de | Gisela Friedrichsen