Submitted by reichmann on Do, 10.06.2010 - 01:06:29

Adelheid KastnerDer "stern" veröffentlicht ein Interview mit der Täter-Psychiaterin Adelheid Kastner. Da die Opfer schweigen, greift nun die eitle Gutachterin des Täters nach der Deutungshoheit im Fall von Amstetten. Eine öffentliche Entgleisung.

 

In einem labernden Gewäsch, das sich als Interview des „stern“ mit der Gerichtsgutachterin Dr.med. Adelheid Kastner zum Thema Josef Fritzl präsentiert, werden die Opfer des Täters Josef Fritzl nach Strich und Faden erniedrigt und beleidigt. Ihr Leid und ihr Leben wird schamlos ausgenutzt für die Sensation und die Egomanie einer Psychiaterin. Die Opfer werden zu Statisten eines recht fiktiv erscheinenden Josef Fritzl-Psychodramas von dessen Vorfahren, Kindheit, und Jugend degradiert.

Wie kommt der „stern“ dazu dieses seitenlang inhaltsleere, blumig-schwülstig-kindisch- pseudowissenschaftliche Interview abzudrucken, statt es in der Rundablage zu versenken?

Wie kommt der „stern“ dazu das Foto, dieses riesige ganzseitige Foto des Täters, Josef Fritzl, millionenfach, für welchen Preis auch immer eingekauft, in den Markt zu pressen?

Wie kommt der „stern“ dazu die früh ergraute, sich mädchenhaft verkleidende Psychiaterin, die ihr leicht welkes Dekolleté so präsentiert, als hätte sie mit dieser „Berufskleidung“ Fritzl, dem sie vollkommen auf den Leim gegangen zu sein scheint, 27 Stunden alleine in seiner Zelle gegenüber gesessen, in dieser Form im Interview zu präsentieren? (Wem diese Beschreibung zu hart erscheint, der möge sich die Fotos und das Kleid der Psychiaterin in ihrer Klinik im „stern“ ansehen und sich vergegenwärtigen, dass diese Selbstdarstellung mit weit ausgeschnittenem Dekolleté einer Psychiaterin, die über sexuell motivierte Straftaten eines Fritzl eine sachliche Éinschätzung geben soll, eine völlig falsche Botschaft sendet und dem Fall einen eigenartigen Beigeschmack gibt)

Wie kommt der „stern“ dazu in so einem schwergewichtigen Fall, in dem die Opfer bis heute schweigen und den irreführenden Aussagen der Psychiaterin nicht unmittelbar entgegen treten können, zwei sich hier dümmlich präsentierende Laien auf eine Psychiaterin los zu lassen, die eine derartige Herzlosigkeit, Kälte, Unsensibilität und tatsächlich offenbar schwere intellektuelle und emotionale Schwächen offenbart.

Das Interview gibt der Wirklichkeit einen gruseligen Drall ins Belanglose

Es gibt das schöne Wort von der Küchenpsychologie, soll wohl heißen, dass zwei Hausfrauen beim Kartoffelschälen und Kuchenbacken zum Beispiel die Meisen und Marotten ihrer Ehemänner durchhecheln, wobei zwei bodenständige Hausfrauen im Zweifel psychologisch mehr drauf haben, als Adelheid Kastner in ihrem Interview zu bieten hat.

Ein Beispiel: Kastner doziert, dass sich die Großeltern des heute 73.jährigen Josef Fritzl wegen der Unfruchtbarkeit der Großmutter dazu entschieden hätten, außerehelich gezeugte Kinder des Opas als gemeinsame Kinder aufzuziehen, darunter auch die Mutter Josef Fritzls. Frau Kastner behauptet nun, dass dieses Vorleben der Großeltern Modellcharakter für Josef Fritzl gehabt hätte: “Schnell wurde klar, dass Fritzls Taten Versatzstücke aus der eigenen Familienbiographie aufweisen.Das Zeugen außerehelicher Kinder, die dann in eine bestehende Familienstruktur integriert werden…“

Das Ganze klingt nach den ideologischen Denk-Schemata von dem Wiederholungszwang, unter dem die nachfolgenden Generationen stünden. Und es kommt auch so rüber, als ob das Habenwollen von außerehelichen Kindern, was ja überhaupt nichts Strafbares ist, hier ein wesentliches Element der Tat wäre. Dies lenkt allerdings von der Realität vollkommen ab. In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es außerehelich gezeugte Kinder. Was zum Teufel hat das mit dem singulären Fall Fritzl zu tun?

Von solchen großrednerischen, leeren Phrasen wimmelt das Interview und die Frage stellt sich, einmal unterstellt, dass Kastner die Psychomechanismen von Josef Fritzl an dieser Stelle richtig beschrieben hätte, wofür allerdings nichts spricht: woher weiß Frau Kastner eigentlich, dass Fritzls Großeltern vor schätzweise 100 Jahren um 1910 herum mit dem Problem der angeblichen Unfruchtbarkeit der Großmutter konfrontiert waren?

Woher weiß Kastner, dass Fritzls Mutter ihren Sohn Josef nur zum „Beweis“ ihrer Fruchtbarkeit bekam, wie sie es lang und breit ausführt, und Jung-Josef routinemäßig schlug? Stehen all diese hier ja als Fakten verkauften Details in notariell beglaubigten Urkunden aus der grauen Vorzeit? Oder ist Kastner hier am Werk uns via „stern“ Märchen zu präsentieren? Märchen, die sie von ihrem einzigen Zeugen Josef Fritzl hat, der die Familiensaga selber nur vom Hörensagen kennen könnte, wenn sie denn stimmte, dessen Glaubwürdigkeit aber gegen Null zu gehen scheint und dessen Geschicklichkeit und dessen kriminelle Energie Legenden ( zu seinen Gunsten, zur psychiatrischen Interpretation und zu Lasten seiner Tochter) zu stricken von beachtlichem Kaliber sein dürften?

Geboren zur Vergewaltigung?

Kastner sagt öfter, Fritzl hätte ihr gesagt, er sei zur Vergewaltigung geboren. (Ein Satz, mit dem einsitzende Vergewaltiger das Kunststück fertig bringen sich vor Heiratsanträgen von Frauen, die den Tätern aufopferungsvoll helfen wollen, gar nicht mehr retten können.) Was für ein diabolischer Quatsch! Was für ein Rechtfertigungsmist! Und: was für eine schlauer und zugleich brutaler Fuchs saß da vor dieser naiven sich selbst offenbar maßlos überschätzenden Psychiaterin?

Ganz brutal entgleist die Psychiaterin, wenn sie folgendes referiert und dabei bedenkenlos über das Opfer E. Fritzl hinweg bügelt und wohl auch hinweg verleumdet. Frau Kastner sagte über den Tag, den 29.August 1984, an dem der Täter seine 24 Jahre andauernde Folter begann: „Er hatte an diesem Tag ein Gespräch über ihren Drogenkonsum geführt (…)Fritzl ging davon aus, dass sie Klebstoff schnüffelt..“ Und bei diesem Gespräch habe sich die 18.jährige E. Fritzl, O-Ton Psychiaterin Kastner, „starrköpfig verhalten“.

Wenn eine Psychiaterin einfach nur referiert, was der Angeklagte ihr erzählt, dann braucht man eigentlich keine Gutachterin, ein solches Referat kann jeder leisten. Wo bitte schön, bleibt die gutachterliche Bewertung? Wieso wird mal so eben locker aus der Lameng nebenbei dem Opfer E. Fritzl, und dies auch noch als Tatsachenbehauptung, Drogenkonsum zugeschoben, was dann ganz notdürftig im Laufe des Interviews unzureichend relativiert wird?

Wieso werden die bösartigen und kriminellen Lügengeschichten und Legenden, die der Täter 24 Jahre lang parallel zu seiner Horrortat in seinem oberirdischen Leben verbreitet hat, nun völlig unreflektiert einfach so in die Öffentlichkeit hinein fortgesponnen? Darf eine Psychiaterin über ein Folteropfer, in einem Fall, der eigentlich nahezu zu 100% objektiv erwiesen ist, von einem erfundenen Drogenkonsum des Opfers so sprechen, als hätte es diesen Drogenkonsum gegeben und als müsste sie diese Tatsache mit ihrem Pseudowissen bekräftigen?

Bei Millionen von Lesern wird der Irrtum leichtfertig ermöglicht, sich eine 18.jährige drogenkonsumierende E. Fritzl vorzustellen und einen, zumindest auch fürsorglichen Täter Fritzl. Das Thema der Täter-Psychiaterin wäre es vielleicht gewesen heraus zu finden, ob Josef Fritzl Drogen, Alkohol, Psychopharmaka oder dergleichen genommen hat. Was sollen solche die gesamte Waage des Falles verdrehenden Einlassungen der Psychiaterin?

Kastner sagt offen, sie sei die Gutachterin des Täters. Eines Täters, mit dem sie womöglich ein zu hohes Maß an Identifikation erfahren hat?

Auch der Satz von Kastner, dass der Täter ihr immer über E. Fritzl gesagt hätte: „Sie war mir am ähnlichsten. Sie war so stark wie ich, sie war so stur wie ich,“ den Kastner dann auch selber noch erläuternd mit Gewicht versieht, in dem sie als ihre eigene Meinung anschließt: „Wenn es darum geht, Macht auszuüben, ist ein schwacher Gegner sicher kein gewinnbringendes Objekt.“, kann nur die Frage auslösen, in welchem falschen Film die Gutachterin eigentlich lebt?

Wieso „Gegner“, wieso „gewinnbringendes Objekt“ ? Was ist das bloß für ein schamloses Oben-Hin-Gesülze! Dies ist einer der negativen Höhepunkte des Interviews, in dem die Gutachterin halb als Zitat, halb als Tatsache in die Öffentlichkeit presst, dass das Opfer dem widerlichen Täter „am ähnlichsten“ sei, bezogen auf die anderen Töchter, die Fritzl mit seiner Ehefrau R. hatte. Diese Billigpsychologie des Täters, die Kastner adaptiert, ist nicht wirklich abdruckbar.

Dieses leicht zu durchschauende quälerische, verleumdende Spiel des Täters dürfte eigentlich nicht millionenfach kommuniziert werden! Der Fall beweist, dass zwischen Täter und Opfer überhaupt keine Ähnlichkeit besteht! Josef Fritzl hat gemordet, gequält, vergewaltigt und das über ein viertel Jahrhundert, und E.Fritzl hat sich ums Überleben und um das Überleben ihrer Kinder gekümmert. Mit einem solchen Täter öffentlich verglichen zu werden, ist für jedes Opfer unzumutbar und muss auch nicht hingenommen werden.

Irgendetwas von diesem Vergleich bleibt im öffentlichen Bewusstsein immer hängen und führt zu einer Relativierung von Täter und Tat und zu einer Belastung des Opfers. Wie kann man das Wort „Ähnlichkeit“ angesichts eines solchen Horrortäters und einer solchen Horrortat überhaupt über die Lippen bringen?

Mordversuch mit bedingtem Vorsatz in sieben Fällen?

24 Jahre Selbstmordgefahr und Todesgefahr durch die physischen Lebensumstände hätten eigentlich, wenn man die Psychiaterin ernst nimmt, als versuchter Mord mit bedingtem Vorsatz zu Lasten E. Fritzls und der Kinder angeklagt worden sein müssen. Man erfährt immerhin von Kastner, dass zwei Seelen mit widersprüchlichen Intentionen in Fritzls Brust getobt hätten, (wie wir alle es auch kennten. So wollte Fritzl sein Untertage-Verlies einerseits als Lagerraum für Maschinenteile ausbauen und andererseits zu dem Zwecke Menschen unterirdisch einzumauern.

Fritzl hat seine Opfer, die er schamlos seine zweite Familie nennt (was Kastner distanzlos übernimmt) zwar in diesen Räumen des Hades mehr schlecht als recht mit Wasser und Nahrung versehen, dies ist aber unter den gegebenen Umständen überhaupt kein Grund daraus zu schließen, dass ein bedingter Tötungsvorsatz ausgeschlossen gewesen wäre.

Immerhin: wer jemanden in einem Verlies quält und vergewaltigt, braucht ja offenkundig den Kick der Lebensgefahr seines Opfers, um eine Erektion zustande zu bringen. Vergewaltiger sind –entgegen der Annahme vieler ihrer heimlichen Bewunderer – im Zweifel eher Potenzschwächlinge, denen ein normaler sexueller Reiz nicht ausreicht.

Fritzl ist mit der Rechtskraft des gegen ihn gerichteten Urteils vom Vorwurf des mehrfachen versuchten Mordes zu Lasten seiner Opfer, die auch seine Kinder sind, und zu Lasten von E. Fritzl befreit, was allerdings ein schwerer Sach-und Rechtsfehler dieses Urteils sein könnte.

Die lebenslange Freiheitsstrafe lastet nun auf den Schultern des ermordeten kleinen M., dessen Fall obendrein auch noch in der Öffentlichkeit Stimmen wach gerufen hat, die Fritzl nicht als Mörder verurteilt sehen möchten.

Für versuchten Mord mit bedingtem Vorsatz in sieben Fällen wäre sicher unter den gegebenen Umständen auch auf sieben Mal lebenslänglich erkannt worden, zusätzlich zu dem real abgeurteilten Mord. Dies wäre dem Fall wahrscheinlich gerechter geworden und würde auch mehr Rechtsfrieden bringen und weniger Legenden zulassen.

Permanente Todesgefahr

Dass Opfer einer Einkerkerung, der eine Todesgefahr und eine Todes -Wahrscheinlichkeit immanent war, überlebt haben, kann dem Täter nicht dergestalt zu Gute kommen, dass er mit dieser Todesgefahr nichts zu tun gehabt hätte und sie nicht billigend in Kauf genommen hätte und vielleicht sogar auf eine perverse Art mit der Todesgefahr gespielt hat. Auch eine Selbsttötung seiner Opfer würde die Tat zu einem Mord gemacht haben.

Dass der Täter daneben sein Opfer, um es weiter vergewaltigen zu können, weiter am Leben gehalten hat, ist kein zwingender Widerspruch zu bedingtem Mordvorsatz. Das alles hätte von der Staatsanwaltschaft im Prozess wenigstens zur Diskussion gestellt worden sein müssen!

Wie Psychiaterin Kastner an einer Stelle durchblicken lässt, stand der Täter unter dem Druck die Tat jeden Tag aufs Neue vertuschen zu müssen durch Aufrechterhaltung der mörderischen Zustände. Ex kathedra spricht die furchtbare Gutachterin dann allerdings gelassen, aber scharf, Folgendes zu ihren Lesern: „Das ist für ihn ein weiteres Tabu: jemanden umzubringen. Zu töten, aktiv zu töten, ist für ihn tabu. Den Tod in Kauf zu nehmen ist eine andere Sache“. Woher weiß Kastner Solches zu berichten? Hat Fritzl ihr dies gezielt nahe gebracht?

In dem Interview wird ein Riesenpopanz aufgebaut, alles aus der hohlen Hand, ob der Täter seine Opfer irgendwann (liebevoll) hochgeholt hätte. Nur von der Realität, der allgegenwärtigen Todesgefahr und von der anderen Realität, dass auch die Möglichkeit eines Tötungsdeliktes bestand und sei es durch Verhungern lassen oder sonst wie, wird von der Gutachterin tabuisiert. Dabei liefert der Fall des ermordeten Michael doch einige Indizien, welche Kausalverläufe welche Wahrscheinlichkeit für sich hatten.

Wer einen Menschen unter Ausschluss von Tageslicht und Frischluft auf engstem Raum gewaltsam einsperrt, ohne medizinische Versorgung allein auf sich gestellt Geburten durchstehen lässt und Kinder unter diesen Umständen zu leben zwingt, mit allgegenwärtiger Vergewaltigungsqual und permanent wiederholten sadistischen Anfällen und Versorgungsengpässen, der setzt eine Tat ins Werk, die den Tod der Opfer bewirken kann.

Und wenn bei gleichem Geschehen eines der Opfer oder alle, ohne jedes sonstige Zutun des Täters zu Tode gekommen wären, wäre dies Mord gewesen. Und auch die Justiz hätte es wohl unter öffentlichem Druck so gesehen. Und jetzt, da die Opfer überlebt haben, soll auch gleich der bedingte Tötungsvorsatz nicht einmal mehr diskutiert werden können?

Fritzls Show

Fritzls nicht ungeschicktes Quasi-Zugeben des Mordes an seinem Sohn Michael könnte ein Ablenkungsmanöver sein. Immerhin weiß er ja, was er seinen Opfern angetan und wie gefährlich sein Tun für seine Opfer war.

Mit der Leidensfähigkeit, die die Psychiaterin der Menschheit unterstellt, lässt sich jedenfalls bedingter Mordvorsatz keineswegs negieren. Die Freiheitsberaubung ist in diesem Fall außerordentlich gefährliche 24 Jahre, 19 Jahre, 18 Jahre, 5 Jahre andauernde permanente vollendete Körperverletzung. Und dass niemand zu Tode kam ist objektiv ein Wunder und nicht der Leidensfähigkeit von Menschen geschuldet, die der Täter locker einkalkulieren durfte, nach dem Motto: man darf Menschen ruhig ein viertel Jahrhundert in Kellern einsperren, weil ihnen ja weiteres nicht passieren kann, wenn man ein so probates Mord- Tabu hat, wie die Psychiaterin es dem Täter attestiert.

Für Körperverletzung und Freiheitsberaubung gibt’s übrigens weniger als für das nicht ganz lautere Betören von älteren betuchten Damen wie im Fall Susanne Klatten/ Helg Sgarbi.

Das mörderische Unrecht, das der Täter zu Lasten seiner drei Kinder ins Werk setzte, die ihr Leben im Kellerverlies, eingepfercht von ihrer Geburt an zugebracht haben, sprengt alle Dimensionen, die der Gesetzgeber, als er die Straftatbestände abstrakt vorformulierte, sich vorstellen konnte. Keine Strafe ohne Gesetz - davon profitiert der Täter in exorbitanter Weise.

Aber diesen Teil des Tatkomplexes, wie im Interview mit der Psychiaterin jetzt geschehen, einfach ausblenden und auch gar nicht zur Qualifizierung der Tat und des Täters heranzuziehen, aber stattdessen mit Omma und Oppa und einem Lehrer von Josef Fritzl von anno dazumal zu kommen, das zeigt, in welch unerträglichem Ausmaß die Dinge in diesem Fall kunterbunt durcheinander laufen.

Fritzls Schauspiel- Zusammenbrechen im Angesichte der Videoaussage seiner Tochter, was Kastner ungeprüft übernimmt, Fritzls Spiel mit seinem Anwalt, den Medien, seine Show mit dem blauen Aktenordner und mit dem die Öffentlichkeit schockenden Zeigen seines Gesichtes, das widerliche Herumkokettieren und in Wahrheit das Drohen mit seinen Täter-Memoiren, mit denen er seine Opfer erneut traktiert, und die unfassbare Dimension seiner Tat, haben in dem Fall, der keinesfalls ausverhandelt wurde, vieles durcheinander gewirbelt. Insbesondere das Koordinatensystem der Justiz.

Der Täter will 24 Jahre lang nichts gemerkt haben und nun plötzlich wird er mit einem markierten Zusammenbruch der plötzliche Blitzmerker und behauptet der reuige und wohlmeinende und um Wiedergutmachung bemühte Sünder geworden zu sein? Was für eine widerwärtige Show, die die Gutachterin im „stern“-Interview jetzt sanktioniert. Sowohl der „stern“ als auch die Gutachterin spielen unangemessen mit einem Konstrukt Selbstmord des Josef Fritzl, der ein Blitzverfahren vor Gericht „durchstehen“ musste.

Selbstmordgefahr gab es in der Tat für die Opfer 24 Jahre lang und jetzt überträgt die Psychiaterin, des Falles womöglich in keiner Weise mächtig, diese Tatsache als objektiv bestehende Gefahr auf den Täter, der, seitdem er seine Tochter von weitem im Gerichtssaal gesehen hätte, nur noch sühnen wolle und das wahre Mitleid der Menschheit in diesem Fall verdient hätte.

 „Schauen Sie doch auf die Gefangenen, die im Konzentrationslager (..)überlebt haben“

Kastner versteigt sich auf die Frage des „stern“, wie die „Familie“ es 24 Jahre „dort unten aushalten konnte“ (Tatsächlich war E.Fritzl die ersten fünf Jahre allein) zu der lässigen Denkfigur, die sie als psychiatrisches Wissen verkauft, dass die Menschen halt leidensfähig seien und sich zu arrangieren wüssten.

Und dann führt sie aus, dass – man höre und staune – die Menschen in den KZs auch nicht gestorben seien, wenn sie nicht ermordet wurden oder an Erschöpfung und Verzweiflung gestorben sind, so der absurde Sinn ihrer Äußerungen, die sich wörtlich so anhören: „Schauen Sie doch auf die Gefangenen, die im Konzentrationslager unter unvorstellbaren Bedingungen überlebt haben“, „Menschen sind sehr anpassungsfähig, weil der Überlebenswunsch so stark ist.“ Die Dame, die so sanft plaudernd daher kommt, scheint vollkommen außer Rand und Band zu sein.

Mit so einem Schmäh schnattert Kastner so vor sich hin, womit sie die unerhörte Leistung von E. Fritzl 24 Jahre überlebt zu haben, was ein täglicher und stündlicher Überlebenskampf war, negiert und banalisiert. Die Schieflage in ihrem Kopf scheint betonfest zu sein, jedenfalls gibt es keine Anzeichen irgendeines Merkens bei Kastner:

24 Jahre Folterhaft unter Tage quittiert sie lapidar damit: „Ich weiß nicht, was in dem speziellen Fall funktioniert hat. Ich kenne die Betroffenen ja nicht. Aber der Mensch ist auf Überleben programmiert“. Den Fall und das objektive Tatgeschehen kennt sie allerdings. Und das 11 Stunden lange Ansehen der Video-Aussage seines Folteropfers, wobei niemand den Täter daran hindern hätte können Augen und Ohren zuzumachen, und ein einziger Blick auf seine Tochter im Gerichtssaal bringen diesen großartigen Täter, laut Kastner, bereits in Selbstmordgefahr?

Auf Slapstickniveau sinkt Frau Kastner, wenn sie der Menschheit weis zu machen versucht, dass der Täter viele Jahre täglich gelitten hätte, wenn er zu seinen Folteropfern hinabstieg, weil die ihm ja hätten Böses angetan haben können. Immerhin Kastner kann zählen und sie beziffert die Überzahl der schließlich erwachsenen Opfer auf drei: „Zum Schluss haben dort immerhin drei Erwachsene gelebt. Also drei gegen einen.“

Um es zynisch zu sagen: Diese Todesangst des Täters im Angesichte der Übermacht seiner Opfer erzeugt in der Tat Mitleid mit dem Täter, allerdings noch mehr mit der Gutachterin. Wer vergewaltigen will, muss halt Unbill auf sich nehmen und will diese Unbill ja auch, um es sarkastisch auszudrücken.

An anderer Stelle sagt Kastner, dass die erwachsenen Kinder womöglich gar nicht hätten flüchten können, (als die Tür einmal versehentlich aufgegangen war), weil sie noch nie eine Treppe gesehen hätten, die sie aber hätten überwinden müssen, um in die Freiheit zu kommen. Sie hatten allerdings auch noch nie erlebt, wie man einen Monstertäter überwältigt.

Was für eine grauenvolle Psychiaterin, die auf ihrem Medienzenit vor Eitelkeit offenbar die Realität verloren hat

Kastners Antworten kommen wie ein Plädoyer für eine eingeschränkte Schuldfähigkeit trotz anderer Beteuerungen daher. Sie kommen wie ein Plädoyer für eine öffentliche Mitleidsmaschinerie daher, wie ein Plädoyer für eine rasche Begnadigung. Jedenfalls lanciert Kastner nebenbei, dass über den Täter auch noch eine gewisse Demenz gekommen sei und es ihm so unmöglich gewesen sein könnte seine Tat, wie er es möglicherweise vorgehabt hätte, früher zu beenden.

Wie hoffnungslos überfordert die Psychiaterin in diesem Fall zu sein scheint, zeigt auch folgendes: während sie zumeist Fritzls Aussagen ihr gegenüber wie Fakten nimmt, sagt sie zu der Aussage des Opfers, dass Josef Fritzl Licht –und Lebensmittel im Keller oft quälerisch rationiert hätte, dass sie nicht wüsste, ob das stimme, ob das Opfer also wahrheitsgemäß ausgesagt hat. Immerhin, sie nennt Lebensmittel -und Lichtentzug unter Kerkerbedingungen mit permanent gegenwärtiger Lebensgefahr „perfide Dinge“.

Das seitenlange Interview im „stern“ ist eine Schande. Schlimm genug dass diese Gutachterin im Prozess ihr Werk verrichtete. Sie muss jetzt nicht auch noch Herrin über die öffentliche Deutung des Falles spielen. Zeile für Zeile könnte man textegegetisch das Interview in der Luft zerreißen und man müsste es eigentlich auch tun.

Kastners Formulierung Fritzl sei ein emotionaler Analphabet, eine Einlassung, mit der sie dem öffentlichen Diskurs ein Brandzeichen bereits versehen hat, ist auf Pennälerniveau. So frotzelt man sich auf Schulhöfen an, das hat keinerlei Aussage und das hat auch nichts mit dem Fall zu tun. Außerdem ist der Täter in Wahrheit ein, wenn auch fehlgeleiterter emotionaler Riese, der auch mit einigen Wassern gewaschen ist andere Menschen emotional zu manipulieren.

Dass Fritzl nur Gefühle von Angst oder Triumph kennte, ist eine eher sinnarme Behauptung Kastners, ohne jede Zielführung. Tatsächlich hatte Fritzl vorallendingen sadistische und verachtende Gefühle, und 1000 andere mehr. Eine solche Reduktion just for show disqualifiziert die Gutachterin.

Mag sein, dass ihr Gutachten vor Gericht irgendwelchen Standarts Genüge getan hat, ihre Einlassungen im „stern“ sind unter jedem Niveau und auch unter jeder Moral.

Kastner endet in einem wahren Chaos und in einem Raum voller Schuld

Nachdem sie kurz zuvor schnell noch festgestellt hatte, dass Josef Fritzl von der Aussage seiner Tochter „geschockt“ gewesen und seine „Welt endgültig zusammengebrochen“ endet Kastner im Interview schließlich in einem wahren Chaos von plüschigem, pleurösigem und esoterischem Geschwafel: Nein, Fritzl sei nicht ihr schlimmster Fall, sie erinnerte einen jungen Dreifach-Mörder unter ihren Begutachtungsobjekten, da sei der Raum voller Schuld gewesen und das wäre auch für sie „grauslig“ gewesen, anders als bei Josef Fritzl.

„Ein Raum voller Schuld“! Wenn das psychiatrisches Gutachter-Niveau ist in einem Strafverfahren, in dem die Gutachter de facto oft über Schuld und damit Strafe entscheiden, ist man geneigt dem Abendland Gute Nacht zu sagen. So unfassbar der Fall Fritzl ist, so unfassbar ist auch die wahrscheinlich komplett fehlgeschlagene Verarbeitung des Falles durch die Institutionen.

Und der „stern“ entblödet sich nicht das Bild eines „Raumes voller Schuld“ in einer eigenen Frage aufzugreifen, ob denn bei Josef Fritzl der Raum voller Schuld gewesen sei, worauf Kastner antwortet: „Nein, aber das kann man ihm nicht einmal anlasten. Er ist einfach zu flach.“ Allerdings möchte man hier anmerken: hier ist wohl kaum Fritzl zu flach!

Bleibt zu hoffen, dass Fritzl nicht die Therapeuten in seinem Spezialvollzug auch alle kirre macht!

Kastner redet mit dem „stern“ formal über Fritzl und der Sache nach über die Köpfe der Opfer hinweg. Fritzl sagt de facto mit normativer Wirkung, dass die Geschichte seiner Großeltern, seiner Eltern, seiner selbst und seiner Tochter so und so gewesen sei. Der „stern“ bemüht sich nicht einmal um Gegenstimmen oder um die andere Position, die ja bekannt ist, da die Aussage bekannt ist, oder auch nur um kritisches Hinterfragen der Gutachterin.

Der Fall liegt offenbar in seinen Dimensionen so jenseits der Vorstellungskraft, dass eine angemessene Aufarbeitung in der kurzen Zeit nicht möglich war. Bisher bestimmt der Täter das Geschehen und er scheint sich jetzt erst richtig warm zu laufen und gibt nun auch erste Interviews selbst, die er auch einigermaßen unreflektiert bekommt. Der Täter bestimmt den öffentlichen Diskurs, einer verrückte Welt.

Noch ist es möglich die Täterherrschaft über den Fall zu stoppen. Man kann nicht dem Täter einerseits bescheinigen, dass er in eine psychiatrische Abteilung des Gefängnisses gehört und ihm andererseits die Deutungshoheit übertragen.

Kastner muss sich überlegen, ob sie sich für dieses Interview bei den Opfern öffentlich entschuldigt!

Welt.de | Bettina Röhl