Gespeichert von reichmann am Do, 25.10.2012 - 15:45:00

Die Medizin nimmt in Sachen Kinderheim eine unrühmliche Rolle ein. Ärzte, Psychiater und auch Kranken­schwestern müssen das Gewaltsystem gedeckt haben.

Wilhelminenberg

Waltraud R. war noch Jungfrau, als Sie Ende der 1960er-Jahre im Alter von 16 Jahren im Kinderheim St. Martin (Tirol) zur Untersuchung gebracht wurde. Ein Arzt kam ins Heim: "Der hat meine Mandantin mit einem Metallstab defloriert, mit dem normal der Muttermund untersucht wird", schildert die Anwältin Vera Weld. "Und dann hat er noch hämisch gemeint, dass ich wahrscheinlich lieber einen Mann hätt’", sagt Waltraud R.

Die Rolle des medizi­nischen Personals ist im Zusammenhang mit den Vorkommnissen in Kinderheimen noch nicht ausreichend untersucht worden. Immer wieder erzählen ehemalige Heimkinder, dass sie mit Verletzungen, die Erzieher verursacht hatten, ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Hans Peter Außerstorfer, 56, schildert, wie es einem seiner Kameraden in der Bubenburg (Tirol) ergangen sein soll: "Der kam verletzt ins Krankenhaus, weil er verprügelt worden ist. Seine Mutter wollte Anzeige erstatten und die Krankenschwester hat nur gemeint: ,Da wünsche ich Ihnen viel Erfolg."" Heimkindern sei ja ohnehin nicht geglaubt worden.

Wilhelminenberg

Melitta (li.) hat sämtliche Erinnerungen an den Wilhelminenberg verloren

 

Melitta V., 46, hat Akten von allen Heimen, in denen sie die Gemeinde Wien einquartiert hatte. Nur vom Schloss Wilhelminenberg fehlen sämt­liche Unterlagen. Und auch ihr Gedächtnis lässt sie im Stich: "Ich kann mich an alle Heime erinnern, nur der Wilhelminenberg ist wie ausgelöscht." Das kommt ihr eigenartig vor. Während ihrer Heimzeit hatte sie auch epileptische Anfälle. "Seit ich nicht mehr im Heim bin, habe ich auch keine Anfälle mehr." Sie glaubt, dass dies mit Medikamenten in Zusammenhang steht.

Ingrid E., 57, war 1969/’70 im Heim Wilhelminenberg. Ärzte und Schwestern seien auf der abseits des Heimes gelegenen Krankenstation gewesen, als sie ihr "schlimmstes Erlebnis" durchgemacht habe: "Ich habe Injektionen oder Tabletten bekommen, oder beides." Kurz darauf habe "die Haut am ganzen Körper zu brennen begonnen". Nach einer anderen Behandlung sei sie sogar kurzfristig erblindet.

Andere Ehemalige vom Wilhelminenberg berichten, dass ihnen eine Erzieherin ("Schwester Linda") am Abend Tabletten verabreicht habe, die sie benommen gemacht hätten.

Bis 1980 forschte die Tiroler Psychiaterin Maria Nowak-Vogl an Kindern – mit Vor­liebe an jenen aus Heimen. Ihre Versuche mit dem Hormonpräparat Epiphysan sind belegt – sie behandelte damit vor allem "sexuell auffällige" Mädchen. Wie etwa Hanni P., 61. Ihr wurde von Nowak-Vogl bereits im Alter von fünf Jahren Epiphysan verabreicht, um sexuelle Enthaltsamkeit zu erreichen.

Versuchsmaterial

In seinem Buch "Tatort Kinderheim" (Verlag Deuticke) geht Hans Weiss mit den Medizinern hart ins Gericht: "Da ist in aller Regel nur die Rede von Versuchsmaterial oder Versuchsgut. Kinder waren vogelfrei, mit denen durfte jeder alles machen. Es ist mit unzähligen Substanzen und Medikamenten experimentiert worden." Der Wiener Klinik-Chef Hans Rett soll auch Epiphysan eingesetzt haben – bei 500 Kindern.

Fakt ist ebenfalls, dass Heimkindern an der Uni-Klinik Wien bis in die 1960er-Jahre "Malaria-Kuren" verpasst wurden. Den Patienten der Psychiatrie wurde Malaria-verseuchtes Blut injiziert. Zwei Wochen lang litten die Jugendlichen Qualen mit starken Fieberschüben.

Kurier | Georg Hönigsberger