Submitted by reichmann on Fr, 19.08.2011 - 22:44:39

Der Titel des Referats drückt aus, daß es nicht um Einzelheiten des sexuellen Mißbrauchs selbst geht. Ich behandle aber weder die Häufigkeit des Vorkommens noch die Methoden des Nachweises; weder die Kompetenz der Experten noch die möglichen Handlungsstrategien. Vielmehr frage ich: Was bedeutet der Umgang mit dem sexuellen Mißbrauch unter gesellschaftlichem Aspekt? Wie funktionieren dabei die Mechanismen sozialen Verhaltens? Welche Mentalität kommt in der Jagd auf Sündenböcke zum Ausdruck?

Prof. Dr. Heinrich Kupffer, Berlin,
Eine Pathologie der Abwehrmechanismen
Referat Bad Boll 28. Mai 1995: "

Meine These lautet: Die stark emotionalisierte militante Abwehrhaltung schon beim bloßen Verdacht auf sexuellen Mißbrauch gehört zu den heute verbreiteten Reaktionsformen gegen globale Gefährdungen unserer Sicherheit. In unserer diffusen Angst vor Katastrophen aller Art haben wir uns daran gewöhnt, einen potentiellen Opferstatus zu reklamieren. Wir wappnen uns zur Eliminierung eines Virus, der unsere Welt auffrißt und schleichend vergiftet. Diese fundamentalistisch aufgehetzte Empörung kann im Einklang mit der öffentlichen Macht stehen, wie bei der hier thematisierten Hexenjagd. Sie kann aber auch unter denen Platz greifen, die sich gegen vermeintliche Bedrohungen zum sogenannten Widerstand in Großgruppen zusammenschließen.

So gesehen, ist sexueller Mißbrauch ein beispielhaftes Thema auch für andere Vorgänge, die mit Sex nichts zu tun haben. Sexueller Mißbrauch wird verwendet als Metapher, die einen weiteren Zusammenhang erschließt und sachliche, psychische und gesellschaftliche Verhaltensformen befördert. Als Metapher hat der sexuelle Mißbrauch eine erhebliche Ausstrahlung, so daß unterschiedliche Interessen und Tendenzen dadurch bedient werden können. Er ist ein sensibles Thema, nicht so umfassend wie Gewalt schlechthin, sondern auf einen Sektor begrenzt. Dieses Thema ist spezialisierbar, enthält aber zugleich eine solche Sprengkraft, daß ganze Bündel von Emotionen freigesetzt werden.

Diese zeige ich an zehn Stichworten, die logisch aufeinander bezogen sind.

1. Gehorsam

Ihn gibt es nicht nur bei uns Deutschen, sondern auch anderswo, gerade auch im demokratischen Amerika. Man ordnet sich ein, unterwirft sich einem herrschenden Trend, bezieht Position auf der vorgeschriebenen Seite. Die Forderung nach "political correctness" stimuliert offenbar in den USA gerade auf sexuellem Gebiet die Angst, sich unkorrekt zu verhalten.

Ein Beispiel: "Man erinnert sich an die keineswegs satirischen Forderungen der Studentinnen (eines college), flirtende Paare sollten sich über jede Station auf dem Weg in die Waagrechte durch ein schriftliches Übereinkommen des gegenseitigen Einverständnisses versichern." (U. Schiller, Die Zeit, 27.1.1995)

Oder erwähnen wir die radikalen Gruppen von Leuten, die auf Abtreibungsgegner schießen. Diese Vorgänge wurden in unserer Presse als "moralischer Rigorismus" kommentiert. Das ist zwar nicht falsch, aber bei aller Ablehnung schwingt da doch noch ein gewisses Verständnis mit: Dies sei kein einfaches Verbrechen, sondern habe einen ethischen Hintergrund. Als ob es in einer offenen Gesellschaft eine fundamentalistische Moral geben könnte.

Die Richtung des jeweils als korrekt verordneten Trends spielt nur eine Nebenrolle. Als sexuelle Freizügigkeit angesagt war, wie bei uns noch vor 20 Jahren, da betrieb man das bis zur Absurdität, auch schon mit kleinen Kindern. Ist dagegen, wie heute, Jagd auf Mißbraucher angesagt, so tut man dies mit der gleichen fanatisierten Ausschließlichkeit. Worauf es faktisch ankommt, ist nicht die rationale Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich relevanten Thema, sondern der blinde Gehorsam gegen die Anweisungen der jeweils stärkeren Bataillone.

Wichtig ist stets, im richtigen Lager zu stehen, der Generallinie zu folgen, Abweichler zu stigmatisieren. Man will nichts falsch machen und sich kein Versäumnis vorwerfen lassen. Dieser Gehorsam wird befördert durch die Medien. Sie beherrschen die Szene, beeinflussen oder bilden überhaupt erst die Meinung, fungieren als Sprachrohr mächtiger Gruppen, die Medienmacht aufbieten können. Darauf wird Rücksicht genommen, auch vor Gericht, wenn die Urteilsfindung die möglich Reaktion in der Öffentlichkeit einkalkuliert.

2. Hexenjagd

Das Gehorsamsprinzip bedeutet auch: immer im Kampf sein, einer Bewegung angehören, nicht zur Ruhe kommen, sich selbst behaupten durch die Behauptung, man kämpfe und werde gebraucht. Der Feind, gegen den es geht, ist auswechselbar. Das ist ein Kennzeichen totalitärer Strömungen, die sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen.

Dieses Prinzip zieht sich durch die Geschichte. Es wirkte in der Hexenverfolgung des späten Mittelalters, wobei es nicht um Gerechtigkeit oder Gefahrenabwehr im Einzelfall ging, sondern um Stabilisierung des gesamten Systems. Heute sehen wir, daß die Bereitschaft zur Verfolgung auch in einer offenen Gesellschaft wirksam sein kann. Weil diese Gesellschaft so, wie sie ist, nicht ertragen wird, soll sie umstrukturiert und vereinfacht werden. Ausgleich und Kompromiß werden als zu subtil empfunden.

So etabliert sich ein neues Freund-Feind-Verhältnis, das vor allem durch den auch bei den Sexualtätern beliebten Begriff "Parteilichkeit" ausgedrückt wird. Was heißt Parteilichkeit? Wenn Parteilichkeit bedeutet, daß man sich in pädagogischen und sozialen Berufen für seine Klientel einsetzt, dann ist das eine Selbstverständlichkeit, die nicht eigens erwähnt zu werden braucht. Soll Parteilichkeit dagegen ein spezifisches Engagement und ein stets wachsames Mißtrauen signalisieren, dann vereinnahmt sie die Vernunft und befestigt Vorurteile.

Hier stieße ein Besucher von einem anderen Stern, der von sexuellem Mißbrauch gar nichts weiß, auf reiches Anschauungsmaterial darüber, wie bei uns gegnerische Personen oder Gruppen miteinander umspringen, wie eine Parteinahme sich ideologisch versteift, wie schnell demokratisch erzogene Bürger bereit sind, auf Argumente zu verzichten und sich in das Schema dumpfer Schützengraben-Mentalität pressen zu lassen.

Als Objekte der Hexenjagd sind verschiedene Populationen denkbar. Die Jagd auf Ausländer ist nicht mehr opportun, da es doch in der Bevölkerung immer wieder zu kräftigen Solidarisierungsschüben kommen kann. Die Jagd auf politische Gegner ist nicht sonderlich spannend., denn sie findet als gewohnter Schlagabtausch ohnehin immer statt. Die Jagd auf Sexualtäter lohnt sich deswegen psychisch und sozial durchaus. Hier ist keine gegnerische Solidarisierung der Bevölkerung zu befürchten. Hier kann man damit rechnen, daß man moralisch gewinnt, wenn man sich den Jägern anschließt.

Diese Fahndung nach Bösewichten etabliert auch ein neues Expertentum. Sie schafft Arbeitsplätze, einflußreiche Positionen und damit gesellschaftliche Legitimation. So entsteht ein breiter Markt, der von den Anbietern clever bedient wird. So machen sich bei der Gründung immer neuer Initiativen die Tatsache zunutze, daß es keinen sicheren Weg gibt, um Scharlatane zu entlarven und auszuschließen.

3. Zur Wahrheit erweckt

Die Verfolger in dieser Hexenjagd fühlen sich als Erweckte, die auf einmal einen unmittelbaren Zugang zur Wahrheit gefunden haben. Indem ihre Motivation über den sozialen und pädagogischen Bereich weit hinausführt, ähneln sie in ihrem Gebaren den fanatisierten Anhängern religionsähnlicher Sekten.

Sektierer sind Menschen, die das gesamte Wohl und Wehe der Menschheit von einem einzigen Punkt aus zu begreifen meinen. Sie haben eine eingeschränkte Perspektive und konzentrieren sich ausschließlich auf bestimmte Übel, die beispielhaft den Untergang des Abendlandes vollenden. Andere Phänomene als diese werden nicht wahrgenommen.

Darin drückt sich eine bornierte Grundhaltung, eine tiefe antidemokratische Sehnsucht aus: Nicht Interessen abwägen, nicht verhandeln oder abstimmen, keine Kompromisse schließen, sondern die Wahrheit durchsetzen; dort stehen, wo es gar keine Abstimmung mehr gibt und keine Verhandlung mehr nötig ist.

Die fundamentalistische Einstellung ist Sache des Glaubens, nicht des Wissens. Man ignoriert, daß bei diesen Fragen in allen Fällen, in denen nichts Bestimmtes greifbar wird, nach Ermessen entschieden werden muß. Der Fundamentalist leugnet den Ermessensspielraum, denn für ihn sind die Fronten klar. Selbst ein Verdacht, der widerlegt wurde, bleibt bestehen, weil die sonst übliche Logik, wonach ein Unrecht nachgewiesen werden muß, außer Kraft gesetzt ist.

Die Erweckten kommen in doppeltem Sinne auf ihre Kosten. Einmal befriedigen sie ihren Hang, geheimdienstlich tätig zu sein, Böses aufzudecken, Gefahren abzuwenden, wichtig für das Wohlergehen des Ganzen zu sein, das Persönliche dem höheren Zweck unterzuordnen, Mitmenschen zu denunzieren und mit allen diesen Aktivitäten eine höhere Sinnstufe zu erklimmen. Zum anderen nehmen sie teil an der Allmacht, über Lebensschicksale bestimmen zu dürfen, ein Ganzes beurteilen zu können und mehr zu wissen als alle übrigen. Dies erlaubt massive Eingriffe in das Leben von Kindern und Familien-, obwohl sich bei nüchterner Prüfung herausstellen würde, daß Mitarbeiter in den Institutionen oder Funktionäre der Ämter über Erkenntnisse, die so tiefgreifend sind, daß sie solchen Eingriff rechtfertigen könnten, gar nicht verfügen.

4. Voraufklärerisches Denken

Dieser Trend ist ein Angriff auf eine offene und freie Gesellschaft. Offenheit bedeutet natürlich nicht, sexuellen Mißbrauch da, wo er wirklich stattfindet, zu tolerieren oder zu verharmlosen. Offen sein heißt: bereit sein zur Auseinandersetzung, zur Aufklärung, zur Reflexion des Themas; also aus den Schützengräben herauszukriechen und eine übergeordnete Plattform zu finden, wo das Problem des sexuellen Mißbrauchs in seiner Komplexität verhandelt werden kann.

Davon sind wir weit entfernt. Vielmehr spüren wir generell einen antimodernen, voraufklärerischen, demokratiefeindlichen Zug. Es ist der Zug zurück in eine geschlossene Gesellschaft, in der alles eindeutig und klar ist, wo man sich auf kontroverse Interpretationen schwieriger Sachverhalte nicht einlassen muß.

Die Verfolgung des sexuellen Mißbrauchs bei auch nur geringfügigem Verdacht ist heute konsensfällig und kann mit einer breiten Volksfront zur Ablehnung des vermeintlichen Täters rechnen. Dies gilt auch für die Formel, sexueller Mißbrauch komme in allen Schichten vor. Ob das wirklich stimmt, sei einmal dahingestellt; aber daß es gesagt werden kann, zeugt von einer schichtübergreifenden Einigkeit.

Das voraufklärerische Denken in der Behandlung des Mißbrauchsproblems gehört in eine breite Strömung. Diese überspült auch andere Gebiete, die mit dem sexuellen Mißbrauch nichts zu tun haben. Zum einen beobachten wir allenthalben den Rückfall in gruppenspezifisches völkisches, nationalistisches Gebaren. Sollte sich dieser Stil auch bei uns durchsetzen, dann sind wir politisch und gesellschaftlich nicht klüger als die ethnischen und quasi-religiösen Gruppen in anderen Ländern.

Zum anderen befinden wir uns unversehens auf dem Wege zu einem Staat, der als "Schutzstaat" alle Gefahren abwehren und unser persönliches Wohlergehen gewährleisten soll. Hierzu sagt treffend Hans Albrecht Hesse (Universitas 3/95, S. 234 f.): "Der Kern der Schutzstaatidee macht die Sorge des Staates für die 'ihm anvertrauten' Menschen aus ... Dieser Schutzstaat, der alternativenvernichtend in die private Lebensführung einzugreifen sich anschickt, ist im Ansatz totalitär." Die Eingriffe der Behörden zur Abwehr potentiellen Mißbrauchs erfüllen genau diese Merkmale des Schutzstaates, der eine Karikatur des auf Sicherheit von jeglichem Übel bedachten Wohlfahrtsstaates darstellt.

Der Trend zum Schutzstaat ist gerade für Kinder- und Jugendschützer ein Phänomen, das genau beobachtet und kritisch reflektiert werden sollte. Denn sie sind es ja, die sich mit der beliebten Frage "Wie sicher sind unsere Kinder'?" intensiv auseinandersetzen. Daß Kinder, so weit es irgend geht, vor Gefahren des Straßenverkehrs, der Umweltvergiftung und des sexuellen Mißbrauchs geschützt werden müssen, wird von niemandem bestritten. Aber Schutz ist immer eine gezielte, nicht fremdbestimmte, sondern selbstgestaltete Aktion, die niemals zur totalen Absicherung gegen das Böse führen kann. Die Antwort auf die Frage "Wie sicher sind unsere Kinder?" kann also nur lauten: Sie sind so sicher, wie alle Beteiligten einschließlich der Kinder selbst von Tag zu Tag auf diese Sicherheit achten!

5. Moralische Kompetenz

Wo klare Fronten herrschen, gibt es keine Zwischentöne mehr. So ist sexueller Mißbrauch das, was nicht mehr diskutiert werden kann. Andere Straftäter mögen noch so gefährlich und skrupellos sein, aber sie sind noch immer irgendwie begreiflich. Bei der Sexualität hört dagegen der Spaß auf, denn hier geht es ums Ganze.

Wer das Ganze in Frage stellt, ist das Schwein. Das Schwein bewegt sich auf einer anderen Ebene als der "normale" Verbrecher, denn das Schwein ist der Feind schlechthin, so wie bei den Nazis der Jude. Die Gesellschaft ist offensichtlich mit dem Appell an eine demokratische Auseinandersetzung überfordert. Sie kann ohne das Schwein nicht auskommen. Sie braucht das Schwein, auf das alles Böse konzentriert werden kann, als Widerpart unserer durchschnittlichen Existenz.

Solche Figuren, die als Schwein herhalten müssen, gab es schon immer. Früher galt als Gesinnungsschwein, wer der falschen politischen Partei angehörte. Für die RAF war der Bulle das Schwein. Und geschlossene radikale Kleingruppen bezeichnen als Schwein den "Verräter". Das Schwein verkörpert die Negation der eigentlichen Gesellschaft, das Anti-Wesen zu dem, was als menschliches Wesen gilt.

Erst die Einstufung des anderen als Schwein verleiht mir scheinbar die Fähigkeit, einen Übeltäter nicht nur als strafwürdigen Verletzer der gesetzlichen Ordnung zu verfolgen, sondern ihn auch moralisch zu verurteilen. In ihm bekämpfe ich das Schwein in mir selbst. Er erlaubt es mir, alle etwa schlimmen Elemente aus mir herauszupressen und nur die guten festzuhalten. So kann ich mir immer wieder selbst bestätigen, daß ich mich noch innerhalb der Grenzen des Erlaubten bewege, während der andere in das Niemandsland jenseits dieser Grenzen gehört. Die Abgrenzung gegen das Schwein dient mir zur Reklamation moralischer Kompetenz.

Besonders disponiert für die Rolle als Schwein ist der Sexualtäter. Er nutzt brutal die Macht des Geschlechts, er denkt nur an seinen eigenen Genuß, er ist derjenige, der Schwache schamlos ausbeutet und vergewaltigt. Alles, was verboten und tabu ist, wird ihm immer schon zugetraut.

Bei der Ausgrenzung des Schweins kann nicht mehr geredet werden. Daher verzichtet man auch gern auf eine Definition des sexuellen Mißbrauchs allgemein wie auf eine Erörterung der Grenze zwischen erlaubter Zärtlichkeit und unerlaubter Befriedigung des Erwachsenen auf Kosten des Kindes im besonderen. Mit der Möglichkeit, daß hier eine breite Grauzone liegt, gibt man sich nicht ab. Man rekurriert auf einfache Strukturen, da sonst das Schwein an Kontur verlieren würde.

6. Sauberer Sex

Sich vom Schwein abzuheben, ist ein elementares Bedürfnis nach physischer, psychischer und moralischer Reinheit. Durch die Eliminierung des Schweinischen, im anderen wie in mir selbst, reinige und läutere ich mich. Insofern gewinne ich umso mehr an moralischer Statur, je unnachsichtiger ich das Schwein verfolge.

Diese Verfahrensweise ist nicht auf das Gebiet der Sexualität beschränkt, wird aber gerade hier mit Vorliebe praktiziert. Die Verfolger können für sich in Anspruch nehmen, den richtigen und moralisch sauberen Sex zu favorisieren. Durch Ausgrenzung aller zweifelhaften Fälle bleibt dann eine sexuelle Elite übrig, die auf diesem Gebiet selbst nichts falsch macht und dadurch für andere als Vorbild wirkt.

Ämter, Behörden und Institutionen, die sich als Wortführer der öffentlichen Meinung gebärden, operieren mit der Propagierung der sauberen Sexualität und der reinen Familie so ähnlich wie die Verkaufsleiter in Warenhäusern mit den Mondpreisen. Der Mondpreis ist der absichtlich überhöhte Preis, der so unerschwinglich ist, daß man ihn dann herabsetzt, um scheinbar dem Publikum entgegenzukommen. In der Einschätzung der Familie und der sexuellen Beziehungen markiert der Mondpreis einen Idealzustand, im Vergleich zu dem jede wirklich ausgeübte Praxis abfällt. Der Unterschied zwischen dem Mondpreis und der Realität steckt das Feld der aufspürenden und kontrollierenden Aktivitäten ab.

Da vor allem in der Sexualität Ordnung herrschen soll, wird der sexuelle Sektor zum beispielhaften Feld, zum Kernbereich für das soziale und individuelle Leben. Sexualität besetzt in einem solchen Menschenbild das Zentrum. Der Mensch sieht sich vom Status eines gesellschaftlichen, freien Wesens auf den Status eines Sexualwesens reduziert. Damit tun die Eiferer eben das, was sie den Sexualtätern vorwerfen.

Wenn aber gerade das Sexuelle in dieser Weise hervorgehoben wird, wenn Sexualität Ausdruck des Ganzen ist, dann heißt das auch, daß das Ganze auf das Sexuelle eingedampft wird. Stimmt es bei einem Menschen an diesem Punkt nicht, dann stimmt - so die scheinbar logische Folgerung - bei ihm überhaupt nichts.

Das Bekenntnis zum " richtigen" Sex gilt als Ausweis für die Richtigkeit der Lebensgestaltung insgesamt. Mit einer etwaigen Hinneigung zum "falschen" Sex macht man sich dagegen selbst zum Außenseiter der anständigen Gesellschaft. In beiden Extremfällen herrscht aber das gleiche magische Denken, das sich der Sexualität als einer Metapher, eines Hilfsarguments, eines Reizbegriffes bedient.

7. Präventivschläge

Ein Vertreter des sauberen Sex kann den Anspruch erheben, sich von einem Vertreter des nicht sauberen Sex radikal zu unterscheiden. Das gilt nicht nur für Großgruppen, sondern auch für Zweierbeziehungen. Daher erweist sich auch im Kampf der Partner der Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs als vorzügliche Waffe. Es geht zunächst darum, den anderen sozial zu isolieren. Das gelingt meist ohne große Schwierigkeiten, denn es zeigt sich, daß oft den Beschuldigern mehr geglaubt wird als den Beschuldigten. Die Folge ist, daß der Beschuldigte in die Defensive gedrängt wird. Freunde verlassen ihn, Kollegen ziehen sich von ihm zurück.

Ob tatsächlich ein begründeter Verdacht besteht, spielt keine Rolle. Es geht um die Eignung des Vorwurfs für das Ziel, die Position des Gegenspielers zu schwächen. Was hier realisiert wird, ist das Prinzip des Präventivschlags. Wer zuerst zuschlägt, bringt sich in Vorteil, während der andere sich kaum noch wehren kann; denn ist er einmal in die Verteidigungsstellung geraten, so muß er ja vor allem stets den Angriff parieren, bleibt also auf eine Position festgenagelt, welche die Berechtigung des Vorwurfs als möglich voraussetzt.

Auch hier wirkt der sexuelle Mißbrauch als Metapher. Doch hinter solchem Schlagabtausch verbergen sich schwere Beziehungsprobleme, die nicht in Geduld und Toleranz aufgearbeitet werden. Aus Scheu vor der langen und schweren Auseinandersetzung wählt man den kürzesten Weg. Worum es wirklich geht, läßt sich so erfolgreich ausblenden, daß es auch den Beteiligten selbst nicht bewußt wird. Wie wir aus einschlägigen Gerichtsprozessen erkennen können, vollzieht sich ein gnadenloser Kampf der Geschlechtspartner, die in einer unauflöslichen Freund-Feind-Konstellation befangen sind. Eine höhere Abstraktionsebene der Auseinandersetzung, die einen vermittelnden Diskurs ermöglichen könnte, bleibt auf Grund einer tiefsitzenden Beziehungsunfähigkeit ausgeschlossen. Zwischenmenschliche Probleme werden nicht ausgetragen, sondern jeder Kontrahent besetzt einen eigenen, von dem des Partners unüberbrückbar getrennten Standort.

8. Identität durch Erlebnis (?)

Der metaphorische Gebrauch des sexuellen Mißbrauchs wird auch wirksam bei dem Versuch, durch eigene Kindheitserinnerung und Rekonstruktion früher Erlebnisse Identität zu gewinnen. Daß sexueller Mißbrauch im Kindes- oder Kleinkindstadium eine bleibende Prägung bewirken kann, hat sich inzwischen herumgesprochen. Also greift man darauf zurück und nimmt es für sich in Anspruch.

Schließe ist mich dieser gebräuchlichen Übung an, dann schlage ich scheinbar zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens ist mir das Unheil persönlich widerfahren, so daß ich mir manche Phänomene, Ereignisse und Verhaltensweisen in meinem eigenen Leben jetzt besser erklären kann. Zweitens gewinne ich damit Anschluß an die Gruppe derer, die das gleiche oder ein vergleichbares Schicksal erlitten haben. Damit kann ich mich mit diesen auf einen Sonderstatus berufen.

Sexuell mißbraucht worden zu sein, ist noch etwas anderes als gemeinsame Schicksale einer ganzen Generation, wie etwa Krieg, Nachkriegszeit, Flucht, Vertreibung. Solche generellen Vorgänge geben für den einzelnen zu wenig her, denn man teilt sie ja mit Millionen anderen. Aber auf sexuellem Gebiet beeinträchtigt worden zu sein, hat einen ganz besonderen Stellenwert, denn es löst mich heraus aus konkreten gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen.

Identitätserwerb durch Erlebnis ist zweifellos eine verlockende Perspektive. Mir wird der Weg des geringsten Widerstandes angeboten, auf dem ich angeblich ebenso gut oder sogar noch schneller zum Ziel komme als durch irgendwelche Bemühungen, die meinen Willen und meine Leistungsbereitschaft strapazieren. Aber das ist ein windiges Versprechen, auf das ich nicht hereinfallen sollte, vor allem deswegen nicht, weil mir damit ein reduziertes Menschenbild aufgenötigt wird.

Falls ich überhaupt so etwas wie personale Identität gewinnen kann, dann niemals durch Erlebnisse, auf die in dieser oder einer ähnlichen Gestalt jeder andere ebenso zurückgreifen könnte. Was zeitlich hinter mir liegt, gehört zwar sicherlich zu den Ausgangsbedingungen für meine heutige Existenz. Aber zur Identität dringe ich nur vor durch das, was ich selber vollbringe, durch meine unverwechselbare und gerade nicht typische Lebensleistung. Das Hochstemmen eines vermeintlichen oder auch wirklich geschehenen sexuellen Mißbrauchs taugt daher nicht dafür, daß ein Mensch sich selbst später als Erwachsener besser versteht.

9. Das Wohl des Kindes

Alle Erörterungen zum sexuellen Mißbrauch entzünden sich zwar am Kind, verlieren aber das Kind bald aus dem Auge. Der sexuelle Mißbrauch bietet eine vorzügliche Gelegenheit, das "Wohl des Kindes" ins Spiel zu bringen. Doch auch hier taucht sofort die alte Frage auf, wie das Wohl des Kindes interpretiert werden soll.

Das Jugendamt als Eingriffsinstanz hat sich lange genug sagen lassen müssen, es habe zu zögerlich abgewartet und nichts unternommen. Nunmehr wird die härtere Linie gefahren: Lieber frühzeitig eingreifen und das Risiko des Irrtums in Kauf nehmen, als eine denunzierte Familie einfach ungeschoren lassen. Ein Fehler der Fahnder läßt sich in den seltensten Fällen eindeutig bestimmen. Sie können immer sagen: Zwar ließ sich nichts exakt nachweisen, aber es bleibt ein dringender, auf Indizien gestützter Verdacht.

Je mehr Fälle bekannt werden, desto deutlicher stellt sich heraus, daß die Mitarbeiter der Jugendämter in einem Handlungsraum operieren, wo sie weder Verantwortung tragen noch für die Folgen haftbar gemacht werden können. Dieser Raum ist de facto rechtsfrei. Zwar werden die Gerichte einbezogen und zur Entscheidung genötigt, aber sie entscheiden aus Mangel an Zeit und Fachkenntnis meist so, wie die Jugendämter es empfehlen. Der gesamte Urteilsfindungsprozeß wird, scheinbar korrekt, in einzelne Schritte aufgegliedert: Herausnahme des Kindes - ja oder nein, Entzug des Sorgerechts und des Aufenthaltsbestimmungsrechts - ja oder nein; Gewährung einer Besuchserlaubnis - ja oder nein. So erscheint jeder dieser Einzelschritte als einwandfrei rechtlich abgesichert. Daß es sich dabei um Lebensschicksale von Kindern und Eltern handelt, daß ein mehrjähriges Verfahren den gesamten Lebensweg eines Kindes, vor allem seine psychische und soziale Entwicklung entscheidend beeinflussen kann, bleibt völlig unberücksichtigt.

Dies zeigt sich besonders dort, wo ein anfangs geäußerter Verdacht auf sexuellen Mißbrauch durch Gutachten oder andere Erkenntnisse widerlegt und nicht länger aufrechterhalten wird. Damit ist dann nämlich die Geschichte keineswegs zuende, denn die Jugendämter lassen nicht locker. Sie konzentrieren sich jetzt auf "andere" Probleme, die es in der betroffenen Familie auch noch geben soll. Stellen wir uns einmal folgendes vor: Eine Familie meldet einen kleinen Kellerbrand. Die Feuerwehr rückt an und löscht ihn in wenigen Minuten, zieht aber nach getaner Arbeit nicht wieder ab, sondern erklärt: Wenn wir schon mal im Haus sind, dann suchen wir doch gleich gründlich nach verbotenen Dingen, vielleicht nach Pornos, Kopfläusen oder geschmuggelten Zigaretten.

Wenn Jugendämter so verfahren, sind sie selber der Bazillus, nach welchem sie in den Familien forschen; und falls sie tatsächlich solche "anderen" Probleme finden, z.B. das auffällige Verhalten eines Kindes, dann sind diese durch die Aktivitäten des Jugendamtes meist erst hervorgerufen worden.

Am Umgang mit dem Mißbrauchsvorwurf wird sichtbar, wie sich das Jugendamt auf das KJHG einstellt. Dieses Gesetz ist vielleicht im ganzen zu anspruchsvoll. Die Hilfeverhandlung auf dem offenen sozialen Markt erweist sich als schwierig. Nur wo Gefahr im Verzuge droht, darf weiterhin eingegriffen werden. Da eben dies beim sexuellen Mißbrauch der Fall ist, braucht das Jugendamt den sexuellen Mißbrauch dringend. Nur er bietet die gewünschte Gefahr, um nach alter Weise tätig zu werden und die gesellschaftliche Notwendigkeit der eigenen Institution nachweisen zu können.

Das Jugendamt will natürlich zum Wohl des Kindes handeln und Anwalt des Kindes sein. Das ist aber auf Grund der vorgegebenen Strukturen unmöglich: einmal weil das Jugendamt selber eigene Interessen vertritt; zum anderen, weil es auch selbst Exekutive ist, also nicht zugleich Anwalt des Kindes sein kann.

Das Bestreben, die eigene Macht zu vergrößern, zeigt sich auch darin, daß Jugendämter sich immer mehr selbst als Expertengremien stilisieren. Bisher ist es z.B. üblich, daß frei praktizierende Psychologen von Fall zu Fall ihre Gutachten dem zuständigen Fachdienst zur Entscheidung darüber vorlegen, ob eine Therapie stattfinden soll. Der Fachdienst leitet dann seinen Befund an das Jugendamt weiter. Nun mehren sich die Fälle, in denen das Jugendamt diese Gutachten auf direktem Wege, unter Umgehung des Fachdienstes anfordert, so als sei es selbst für die inhaltliche Beurteilung kompetent.

10. Konzentration auf das Spektakuläre

Der Zugriff auf das Kind wird zum Beispiel vermeintlicher Problemlösung. Dazu ist es nötig, das Problem überhaupt erst handhabbar zu machen. Wenn man sich in sozialer oder pädagogischer Absicht mit einer Gruppe beschäftigen will, dann muß diese Gruppe signifikant sein und sich von anderen durch bestimmte Merkmale abheben. Die bloße Gewalttat ist zu allgemein. Nur das Spezifische verspricht einen spektakulären Zugriff, einen einprägsamen und öffentlich vorzeigbaren "event".

Das widerspricht aber der Realität. Denn in den meisten Fällen, in denen sexueller Mißbrauch tatsächlich vorkommt, ist er in den Familien verbunden mit sonstiger physischer und psychischer Gewalt, Alkohol, enger Wohnung, schwacher sozialer Position. Wenn man hier nachhaltig helfen will, müßte man dafür die gesamte Gesellschaft umkrempeln.

Da das unmöglich ist, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte, vorzüglich auf den sexuellen Mißbrauch. Als ob das ganze Verfahren ein Fernsehspot wäre, greift man hier und jetzt ein Ereignis heraus, das Emotionen weckt und scheinbar als einzelnes dasteht. Der Kontext bleibt unerwähnt.

Die Konzentration auf das Spektakuläre erfordert eine Spezialisierung des Zugriffs. Doch um einen speziellen Zugriff als notwendig glaubhaft zu machen, muß die zugreifende Institution vor sich selbst wie vor der Öffentlichkeit den Anschein von Allwissenschaft erwecken. Indem vermeintlich genaue Anhaltspunkte dafür vorgewiesen werden, daß im jeweiligen Fall gerade sexueller Mißbrauch vorliegt und nichts anderes, setzt die zugreifende Institution voraus, daß die Gesamtheit der Kinder in dem fraglichen Bereich genau bekannt ist, daß die beobachtenden Erzieher, Lehrer und Kindergärtnerinnen jedes einzelne Kind mit seinem sozialen Hintergrund kennen und beurteilen können, daß die beteiligten Fachkräfte der Ämter einen untrüglichen Maßstab dafür besitzen, was ein normales und was ein abweichendes Verhalten ist. Es wird so getan, als habe man im Prinzip das Heranwachsen und Gedeihen aller Kinder qualitativ wie quantitativ voll im Griff.

Besonders das Jugendamt, das alle vor Ort gewonnenen Informationen sammelt, gibt vor, sämtliche Familien in seinem Umkreis im Blick zu haben und deren pädagogische Potenz beurteilen zu können. Wie wäre es sonst möglich, daß bei Familien, deren Kinder von Dritten mißbraucht worden sein sollen, die "Erziehungsfähigkeit" geprüft wird; daß also Eltern daraufhin ausgeforscht werden, ob sie ihre Kinder auch hinreichend beaufsichtigt und vor dem Bösewicht gewarnt haben - als ob die Erziehungsfähigkeit aller anderen Familien in diesem Stadtviertel unzweifelhaft klar erwiesen wäre. Gerade die Beanspruchung von Kompetenz in jedem Einzelfall setzt einen Überblick über das Ganze voraus, denn der Einzelfall ist ja nur mit Bezug auf ein allgemein gültiges Kriterium daraufhin zu bewerten, ob er diesem genügt oder nicht. Der kontrollierende Eingriff reklamiert also nicht nur die Fähigkeit der Ämter zu totaler Sozialkontrolle, sondern auch deren Legitimität.

Fazit

Die bisher übliche Art, wie die selbsternannten Experten mit diesem Thema umgehen, ist ein Rückfall in eine andere Gesellschaft, die klare Urteile erlaubt, die noch nicht pluralistisch ist, in der ein traditionelles Bewußtsein herrscht.

Unsere heutige Gesellschaft ist aber vielfältig und komplex. Ein Begriff wie das "Wohl des Kindes" ist daher nicht klar zu definieren, sondern kann nur als Tendenzaussage, als Orientierungsmarke gelten. Was das Wohl des Kindes sein könnte, läßt sich nur von Fall zu Fall durch Verhandlung und Konsensbildung unter vielen Beteiligten konzipieren.

Sich in dieser offenen Gesellschaft zu bewegen, ist schwierig. Wer an Fremdbestimmung gewöhnt ist, sich nunmehr aber auf sich selbt gestellt sieht, findet keinen Halt mehr. Zugleich besteht auch eine tiefe Unsicherheit in den persönlichen Beziehungen, denn viele wissen nicht, wie sie mit ihren Partnern zusammenleben sollen. So wird der sexuelle Mißbrauch zum bevorzugten Thema, das eben diesen Rückschritt in eine überwunden geglaubte autoritäre Gesellschaft zu erlauben scheint. Die Sehnsucht danach hat inhaltlich mit dem sexuellen Mißbrauch unmittelbar nichts zu tun. Aber dieses Thema eignet sich vorzüglich als Metapher, deren Anwendung eine breite Ausstrahlung bewirkt.

Der ganze Streit um den sexuellen Mißbrauch entzündet sich am Wohl des Kindes. Aber in seinem Verlauf geht es überhaupt nicht mehr um Kinder, sondern fast ausschließlich um Erwachsene: Sei es, daß Eltern sich gegenseitig beschuldigen, um bei einer bevorstehenden Trennung möglichst viele Pluspunkte und vor allem die Verfügungsgewalt über die Kinder zu ergattern; sei es, daß inkompetente Beobachter sich dazu berufen fühlen, ohne Rücksicht auf Verluste für die saubere Gesellschaft zu streiten; sei es, daß Funktionäre und Helfer es auf einmal als ihr Privileg entdecken, andere zu kontrollieren, ohne selbst kontrolliert zu werden, und sogar ganze Familien zu zerstören; sei es schließlich, daß Pädagogen, die sonst von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt werden, hier eine Möglichkeit wittern, das zu erfüllen, was die Gesellschaft ihnen aufträgt: die unübersichtlich gewordene heutige Welt wieder übersichtlich zu machen und moralisch zu desinfizieren.