Submitted by LittleBuddha on Do, 07.02.2008 - 13:10:25
Was passiert, wenn von Spendengeldern plötzlich

Dritte profitieren, zeigt der Fall von Unicef Deutsch-

land mit großer Erschütterung auf. Nachdem durch die Frankfurter Allgemeine bekannt wurde, dass Lidl in Zusammenhang mit einer ZDF Spendenaktion Euro 500.000,- spendete und davon ein Berater rund Euro 30.000,- bekam, wurden viele Menschen plötzlich misstrauisch und Unicef zog mit zwei Anwaltskanzleien gegen die aufdeckenden Journalisten ins Gefecht. Bereits Aufsehen erregte das österreichische Kinderhilfswerk SOS Kinderdorf, aufgrund der Berichterstattung des Enthüllungsjournalisten Stephan Pfeifhofer. Die Aktivitäten von SOS Kinderdorf weltweit, werden im übrigen aus München koordiniert.

Kaum eine Hilfsorganisation genießt so hohes Ansehen wie Unicef. Das UN-Kinderhilfswerk ist geradezu ein Synonym für Hilfsbereitschaft. Doch Hilfsorganisationen müssen in Deutschland bislang kaum Rechenschaft über ihre Spendengelder ablegen. Das sollte Justizministerin Zypries möglichst schnell ändern.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ist eine der erfolgreichsten Hilfsorganisationen weltweit. Prominente stellen als Unicef-Botschafter ihren Namen in den Dienst der guten Sache. Und die Spenden fließen fast von allein. Das weckt nicht nur den Neid der Konkurrenz, sondern kann auch schnell zur Überheblichkeit verleiten. Wieso muss die Öffentlichkeit eigentlich genau wissen, was mit den Spendengeldern passiert?

„Wir haben es mit einer ausgeprägten Intransparenz zu tun“, kritisiert Thomas Kreuzer von der Frankfurter Fundraising-Akademie. Der Skandal um Unicef fördere ein Problem des gesamten gemeinnützigen Sektors in Deutschland zutage. Niemand wisse, wie viel Geld für diese Organisationen tatsächlich gespendet werde. Im Vergleich zu Ländern wie den USA gebe es da einen enormen Nachholbedarf. „Auf der Homepage der US-Sektion von Unicef werden teilweise sogar die Gehälter offengelegt“, sagt Kreuzer.

Deutschland kennt keine Transparenz bei Spendengeldern

In Deutschland aber fehlt diese Transparenz noch. Bislang können sich potenzielle Spender allenfalls am Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) orientieren. Das DZI prüft unter anderem, ob Spendengelder sparsam verwendet werden. Erwartet werden auch ethische Kriterien wie eine faire und objektive Werbung und Berichterstattung über die eigene Projektarbeit. Überprüft wird zudem, ob der Aufwand für Werbung und Verwaltung im Verhältnis zu den Einnahmen steht. Der Anteil sollte nicht mehr als 35 Prozent betragen. Insgesamt 233 Organisationen hat das DZI aktuell als förderungswürdig eingestuft – von „Ärzte der Welt“ bis „Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe“. Das Spendensiegel muss jedes Jahr neu beantragt werden.

„Das DZI ist unser TÜV“, sagt Janina Niemietz vom Bündnis der Hilfsorganisationen „Deutschland hilft“. Es gibt aber noch weitere Kontrollen. Jedes Jahr überprüfen zudem unabhängige Wirtschaftsprüfer die gemeinnützigen Organisationen. Geldgeber, die gezielt einzelne Projekte fördern, verfolgen genau, was mit ihren Fördermitteln geschieht. Trotzdem befürchtet Niemietz, die aufgeregte öffentliche Diskussion über Unicef könnte Auswirkungen auf die Spendenbereitschaft auch für andere Organisationen haben.

„Wir hoffen, dass es keinen dauerhaften Schaden gibt“, sagt Niemietz. Derzeit würden gerade die Jahresspendenquittungen verschickt. Das könnten die Organisationen nutzen, um Transparenz zu beweisen und ihre Spender und Mitglieder detailliert zu informieren. So gesehen könnte in der aktuellen Krise durchaus auch eine Chance liegen.

Das DZI müsse auspassen, dass das Spendsiegel durch die Vorgänge bei Unicef keinen Schaden nehme, warnt auch Renate Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Spender legten Wert auf das Siegel. Es schaffe Vertrauen. Und für große Organisationen sei das Siegel inzwischen geradezu obligatorisch.

„Die wichtigste Ressource humanitärer Hilfsorganisationen ist das Vertrauen der Menschen“, sagt Rupert Neudeck, Gründer von „Cap Anamur“ und jetzt Chef der „Grünhelme“. Er hält das Spendensiegel allerdings für unzureichend. Es gründe sich nicht auf staatliche Vorgaben und liefere lediglich eine ungefähre Orientierung. Neudeck setzt dagegen vor allem auf die Kontrolle durch die Finanzämter. Diese müssten jedes Jahr die Anerkennung als gemeinnützige Organisation neu bestätigen.

Manche Organisationen haben kein Interesse an Transparenz

Manche Organisationen haben aber offensichtlich kein Interesse an transparenten Strukturen, sagt Rupert Graf Strachwitz, Direktor des Maecenata-Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft. Das gilt gerade auch für große Organisationen wie Unicef, die große Spendensummen einsammeln. Der Mangel an Transparenz bedeute nicht, dass Betrüger am Werk seien. „Es ist einfach bequemer, keine Rechenschaft ablegen zu müssen“, meint Strachwitz. Das aber müsse sich auch in Deutschland dringend ändern. In der Wirtschaft gibt es eine Veröffentlichungspflicht.

Auch Politiker müssen ihre Einkünfte offenlegen. Warum sollen nicht auch gemeinnützige Organisationen zu adäquater Information verpflichtet werden? So könnte das Vereinsrecht oder das Stiftungsrecht entsprechend geändert werden, sagte Strachwitz. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sei ja sehr „regelungsfreudig“ und werde eine solche Anregung möglicherweise aufnehmen. Das erfordere aber noch intensive Diskussionen.

So müsse etwa sichergestellt werden, dass private Spender trotz der geforderten Transparenz auch künftig anonym bleiben können, sagt Strachwitz. Insgesamt sei das Spendenaufkommen in Deutschland rückläufig, was auch an der mangelnden Transparenz liege.

Das Vertrauen in Unicef ist nun zunächst einmal „gründlich beschädigt“. Er werde lange dauern und erfordere konsequente und gezielte Strategien, um das verlorene Vertrauen in Deutschland zurückzugewinnen. Unicef müsse sich „neu aufstellen“, sagt Strachwitz. Dazu gehöre auch, sich möglicherweise einen neuen Geschäftsführer zu suchen.

Quelle: Die Welt