Gespeichert von reichmann am So, 14.12.2008 - 16:03:21

KinderpsychiatrieSie prügeln wie von Sinnen, reißen sich selbst die Haare aus, sind krank vor Angst. FOCUS-Reporter begleiteten die jüngsten Patienten einer Klinik für Kinderpsychiatrie.

Station 4 der Heckscher-Klinik in München: Patienten im Grundschulalter haben sich Tiermasken gebastelt – sie sollen auf dem Foto nicht zu erkennen sein. Etwa jedes siebte Kind in Deutschland hat psychische Probleme.

Von FOCUS-Redakteur Bernhard Borgeest

Aufgeregt hüpft Tobias (die Namen der Kinder sind geändert) neben der Mutter her. Er ist glücklich, sie einen Moment bei sich zu haben. Doch die Mutter sieht nicht hin. Nur kurz war sie zu Besuch, nun hat sie es eilig wegzukommen. An der Tür fleht das Kind: „Rufst du morgen an?“ Die Mutter behauptet: „Das Telefon ist kaputt.“ Aber das Kind ist findig bei seinem Werben um Liebe, und es hakt nach: „Du kannst mich doch mit dem Handy anrufen!“ Die Mutter sagt: „Das ist zu teuer.“ Und dann ist sie fort und die Tür zu.

Die Station 4 der Heckscher-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie in München-Giesing gilt als eine offene Station. Aber sie ist stets abgeschlossen. Auf einem Zettel an der Tür steht: „Vorsicht, Weglaufgefahr!“ Neun Plätze gibt es hier für Jungen und Mädchen im Alter von sechs bis zehn. Die Station ist ihr Schutzraum. Manchmal schützt sie die Kinder vor ihrer Umwelt. Und manchmal ihre Umwelt vor den Kindern. Die Station soll ein Refugium sein für junge Seelen, die zu zerbrechen drohen – an ihren Ängsten oder ihren Aggressionen, an ihren Traumata oder Zwängen. An zu wenig oder auch an zu zügelloser Liebe.

Die Warteliste ist lang, die Not ist groß, hier in München und anderswo. Und die Ärzte sagen, die Not werde größer. Etwa jedes siebte Kind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten. Das ergab eine große Studie des Robert-Koch-Instituts. Die Kinder, die in Station 4 Aufnahme finden, haben meist schon lange gelitten. Sie stecken in dramatischen, verfahrenen Situationen. Nun soll ein Weg für sie gefunden werden.

Durch Schläge verschlagen gemacht

Tobias, das ungewollte Kind, flog erst aus der Grundschule, dann aus der Ergänzungsschule. Die Mutter, die drei Söhne von drei verschiedenen Männern hat, ertrug ihn nicht. Auch das Heim, in das sie ihn brachte, konnte ihn nicht bändigen. Er fiel andere Kinder an, eines stieß er die Treppe hinunter. Er würgte einen Jungen, bis der blau anlief, und hätte ihn womöglich getötet, wenn nicht Erwachsene dazwischengegangen wären. Tobias ist acht Jahre alt, klein und stämmig und oft alles andere als niedlich. Es scheint, als hätten ihn Schläge verschlagen gemacht.

Auf der Station 4 lebt Tobias zusammen mit einem Jungen, der sich panisch an den Sitzen des Autos seiner Eltern festkrallte, sobald er aussteigen und in die Schule gehen sollte, und der zweieinhalb Monate lang den Unterricht nicht mehr besuchte. Mit einem Mädchen, das vermutlich vom eigenen Vater missbraucht wurde und beim Gehen seine Oberschenkel zusammenpresst, als müsse es sich ständig das Pinkeln verkneifen. Mit einem Siebenjährigen, nach dem die Polizei fahndete, weil er seiner Mutter davongelaufen war, und der auf einem Fenstersims im dritten Stock herumturnte. Mit einem Sechsjährigen, der sich ängstlich zusammenkauert, sobald sich ihm ein Mann nähert. In dessen Akte der Befund Trichotillomanie steht: zwanghaftes Ausreißen der Haare.

Hell und klar wirkt die Heckscher-Klinik. Ein großer Bau mit viel Glas und Holz. Er erinnert eher an ein modernes Schulzentrum als an ein Krankenhaus. Ärzte und Therapeuten tragen keine Kittel, das soll sie nahbar machen und die Schwellenangst senken. Auch die Station 4, die Abteilung für die Patienten im Grundschulalter, ist freundlich eingerichtet. An den Zimmertüren stehen allerdings nur Nummern, nicht die Namen der Kinder. Im Schnitt bleiben sie drei Monate. Sie sollen hier keine Wurzeln schlagen.

Thema ADHS (Hyperaktivität) : Wald statt Ritalin

Am Nachmittag dürfen die Kinder auf den Spielplatz im Erdgeschoss. Ein enger Hof, umschlossen von hohen Mauern, über die sie nicht blicken und schon gar nicht klettern können. Die Kinder stürmen den hölzernen Turm, sausen die Rutschröhre hinab. Bald mischen sich die Schreie der Begeisterung mit Wutgeheul. Ein Mädchen beschwert sich: „Die machen den Weg einsperren!“ Ein Junge plärrt zurück: „Arschlochkind!“ Einer nässt sich ein und sagt: „Ich kann es noch aushalten.“ Ein anderer steht apathisch an der Wand und knetet die Hände. Tobias nimmt das Tartanpflaster des Spielplatzes auseinander und wirft mit Sand um sich. Die Kinder von Station 4 spielen nicht miteinander. Sie spielen gegeneinander.

„Basisarbeit“ müssten sie verrichten, sagen die Erzieher. Viele Kinder könnten nicht mit Messer und Gabel, sondern nur mit dem Löffel essen, wüssten nicht, wie man sich die Schuhe bindet. Mit rabiater Herzlichkeit gibt ein Team von neun Pädagogen und Krankenpflegern dem Leben der Kinder Struktur. Zimmerzeit, Spielzeit, Hausaufgabenzeit. Das Regime ist für alle gleich. Vom Aufstehen um sieben bis zum Schlafengehen um acht bewegen sich Jungen und Mädchen entlang eines Geländers der Ermahnungen. „Tobias, hast du deine Hände gewaschen?“ – „Anna, sprich bitte nicht dazwischen!“ – „Max, du hast heute Tischdienst.“

„Wie ein Boot-Camp“ erscheine ihr die Station manchmal, meint eine 29-jährige Erzieherin, wie ein Besserungslager für jugendliche Delinquenten. In der großen Küche schneidet sie Rohkost für die Brotzeit. Der Raum dient zugleich als Essplatz, Wohnzimmer, Besprechungssaal, Hausaufgabenzone und abends als Fernsehstube für eine halbe Stunde „Sams“ auf DVD. Seit neun Jahren arbeite sie schon hier, sagt die blonde Frau. Anfangs hätte sie fast jedes Kind mit nach Hause nehmen wollen, so groß sei ihr Mitleiden gewesen. Einige ihrer Schützlinge habe sie nach der Entlassung noch oft besucht. Heute sei sie anders. Sie sucht nach einem Wort, das weniger hart klingt und treffender ist als das Wort „abgestumpft“. Sie sagt: „Distanziert.“

Kinder sind Symptomträger

Der kleine Junge, der sich vor Männern fürchtet, kommt aus seinem Zimmer gelaufen. Er dreht den Kopf weg und streckt doch gleichzeitig die Arme aus. Er will sie um den großen, weichen Körper der Erzieherin schlingen. Sie fängt seine Arme ab und führt sie sanft zurück zum Bauch des Kindes. Sie wahrt Distanz. Und schützt damit nicht nur sich, sondern auch das Kind in seiner Gier nach Nähe.

Mit Tests und Fragebögen versucht eine rothaarige Psychologin, die Leiden ihrer jungen Patienten zu erkunden und ihnen Namen zu geben. Sie wendet die Leistungs- und Persönlichkeitsdiagnostik HAWIK 4 und PFK 9-14 an. Sie kennt ein „multiaxiales Klassifikationsschema“ und eine „Neurotizismus- und Extraversionsskala für Kinder“. Sie nutzt ein spezielles „Sozialphobie- und Angstinventar“ (zum Ankreuzen: „Wünsche mir, dass keiner mich kennt“) sowie ein „Depressionsinventar“ („Ich bin immer schuld“). Oft bleibt sie vorsichtig, fragt nicht zu genau nach. Misshandelte Kinder will sie nicht „retraumatisieren“ und eine Behandlung Fachärzten überlassen. Häufig lautet ihre Diagnose „HKS und SSV“: Hyperkinetische Störung und Störung des Sozialverhaltens. Das beschreibt Symptome und bezeichnet keine Krankheit, bleibt vage und bedeutet im Grunde so viel wie: Das Kind ist extrem unruhig. Es nervt.

„Es ist ein Glück, dass die Kinder auffällig werden“, sagt die Lehrerin aus der im Haus untergebrachten Schule. „Dass sie laut genug schreien und um sich schlagen. Weil sie sich so mitteilen. Ihre Störungen sind Hilferufe.“ Kinder seien Symptomträger für etwas, was sich in den Familien abspielt.

Zu zweit in Klassen mit höchstens zehn Schülern versuchen die Pädagogen, die oft „Unbeschulbaren“ zu unterrichten, mit Lob, Geduld und Toleranz. Stets darauf gefasst, dass ein Kind wie Tobias „eskalieren“ oder „ausagieren“ könnte. Sie ziehe sich jeden Morgen „einsatzbereit“ an, erzählt die Lehrerin. Weite Kleider, flache Schuhe. Auf dem Pult lässt sie nichts liegen, was als Wurfgeschoss oder Waffe dienen könnte, kein Handy und keinen Schlüssel. Und auch keine Schere oder keinen gespitzten Buntstift.

Mit ihren Worten und Werten fällt es den Erwachsenen schwer, vorzudringen zu den Gefühlen der Kinder. Zu ihren magischen Welten und ihren Sehnsüchten. Zu ihren Ängsten und Dämonen, ihrer Verzweiflung und Traurigkeit. Auch für die Wissenschaftler ist die Psyche der Kinder noch in vielem ein Rätsel. Depressionen können sich in Wut äußern. Scheu in Aufdringlichkeit.

„Die Kinder sind klein, aber ihre Seelen sind groß“, sagt die Kunsttherapeutin. Ohne Worte tastet sie sich heran. Sie lässt die Kinder malen und eröffnet einen Dialog der Bilder. Bäume besitzen eine Ich-Persönlichkeit, Häuser haben mit Familie zu tun. Ein misshandelter Junge zeichnet sich in geduckter Haltung, der Papa hat übergroße Hände. Es gibt dunkle Stellen auf seinem Bild, Schwärzungen.

Aus Station 4 kommt zweimal die Woche eine grazile Neunjährige zu ihr, Sophia, Tochter eines Apothekers und einer Visagistin. Das Mädchen litt so schreckliche Angst, krank zu werden, dass es nicht mehr einschlafen konnte. Seine ganze Familie war gefangen in hysterischer Hypochondrie. Die Therapeutin ließ Sophia „Sorgensäcke“ malen. Das Mädchen beschriftete sie mit „Ich habe Angst vor der Spucke“. – „Dass ich krank werde.“ Und: „Dass ich Fieber habe.“ Als Sophia die Säcke ausschneidet und auf ein großes Porträt von sich klebt, beginnt sie zu schluchzen. „Ich bin ja voller Sorgen!“, weint sie.

In der nächsten Stunde sei sie wie ausgewechselt gewesen, erzählt die Therapeutin. Mit wenigen Strichen malt Sophia einen Schmetterling, der lachend aus seinem Kokon blickt. Das sei sie selbst, sagt sie, ein Schmetterling, bereit zu schlüpfen. Sophia malt auch die gefürchtete Kotze. Scheußlich braun, zunächst mit dem Pinsel, dann manscht sie mit den Händen in der Plaka-Farbe. Sie sagt: „Das sieht doch aus wie ein Gedankensaft.“

Hämmern im „Krachraum“

Kinder malen sich etwas von der Seele, erklärt die Therapeutin, weg vom Herzen. Sie könnten ihrem Problem einen Rahmen geben, es aufhängen, es aus der Entfernung betrachten – und es so entschärfen.

„Multiprofessionell“ will die Klinik die Sprengsätze in den Kinderseelen demontieren. Im „Krachraum“ des Musiktherapeuten hämmert ein Junge seine Gefühle in ein Schlagzeug. Die Ergotherapeutin laubsägt mit Tobias eine Teleskop-Zange. Der Bewegungstherapeut glaubt an die Heilkraft des Fußballs. Die Sprachtherapeutin behandelt unbemerkte Störungen der Sprachentwicklung – bei Kindern, die Schwierigkeiten haben, den Sinn komplexer Aussagen zu entschlüsseln, keinen Satz begreifen, in dem ein „weil“ oder „während“ vorkommt, und die auch deshalb aggressiv werden.

Was aber, wenn die drei Monate Erziehungslager und Förderung vorbei sind? Die „enge Führung“ in einer „hoch-strukturierten Umgebung“, in manchen Fällen unterstützt durch die Gabe von Psychopharmaka? Wie lange wird die „Stabilisierung“ zum Tagessatz von 357 Euro anhalten? Macht es überhaupt Sinn, das Kind ändern zu wollen, nicht jedoch seine Lebensumstände?

Nur jedes zweite Wochenende dürfen die Eltern der Station 4 ihr Kind über Nacht mit nach Hause nehmen. Nur alle zwei Wochen sind sie zum Gespräch mit den Ärzten und Erziehern geladen. Behutsam gehen die Helfer mit ihnen um. Sie hüten sich vor Vorwürfen, werben um Kooperation. Im Prinzip können alle Eltern, bei denen nicht das Jugendamt eine Einweisung erzwungen hat, das Experiment Psychiatrie jederzeit abbrechen. Gegen sie geht es nicht.

„Wir nehmen die Kinder aus dem System“, sagt die Oberärztin. Aus dem System Familie. Das sei eine massive Intervention, die an sich schon Veränderungen in Gang bringen könne. Die Eltern, von ihren Kindern meist überfordert und am Ende ihrer Kräfte, erhielten plötzlich Freiräume, könnten sich finden. In einem nächsten Schritt wäre es dann möglich, „psychodynamisch“ zu arbeiten, das heißt, eine Therapie der ganzen Familie zu versuchen und dabei auch mögliche Psychosen und Suchterkrankungen von Vater oder Mutter anzugehen. Etwa sobald das Kind in die Tagesklinik des Hauses überwiesen wird und auch unter der Woche bei den Eltern übernachtet. Oder später mit Hilfe von niedergelassenen Familien- und Kinderpsychotherapeuten. Was freilich schwierig ist, denn auch dort sind die Wartelisten lang, und die Kassenärztlichen Vereinigungen beschränken die Zahl der Zulassungen.

Wochen, Monate, Jahre. Kinderpsychiater haben einen weiten Horizont. „Wir arbeiten“, sagt die Oberärztin, „mit dem Faktor Zeit.“ Oft heilt auch die nicht alle Wunden. „Eine Heilung“, meint der für Station 4 zuständige Sozialpädagoge, „ist im psychiatrischen Bereich manchmal nicht möglich.“ Man pflege ein „modernes Krankheitsverständnis“, versuche, zu begleiten und zu lindern, den Patienten zu ermöglichen, mit ihren Problemen zu leben.

Teuflische Spiele

Frustrierend und schmerzlich ist es für die Helfer, wenn sie ein Kind in unverändert desolate Umstände entlassen müssen, wenn sich Eltern verweigern. Wenn eine Mutter verlangt, dass ihr Sohn vom L-Kind zum G-Kind herabgestuft wird, von lernbehindert auf geistig behindert, nur damit sie mehr Geld vom Amt erhält. Manchmal kommen solche Kinder bald zurück, unter dem Druck des Jugendamts. Manchmal landen sie später in den geschlossenen Stationen 1 oder 6, wo die Polizei Jugendliche nach Suizidversuchen abliefert und wo Drogensüchtige den Entzug durchleiden. Einige Lehrerinnen und Erzieher bedauern, dass gefährdete Kinder nicht wie früher ein oder zwei Jahre auf Station bleiben können. Die Kassen bezahlen es nicht mehr.

Für Tobias organisiert der Sozialpädagoge eine „FU“, eine Fremdunterbringung. Er soll ins Heim, sagt die Mutter.

Tobias hat sich ganz schwarz angezogen. Seine Turnschuhe sind zerrissen. Auf seinem Sweatshirt steht in gotischer Schrift „Demon Games“ – teuflische Spiele. Am Wochenende hat er wieder geballert, am Computer seines älteren Halbbruders, der Kickboxen lernt und seine Tritte auch gern an ihm ausprobiert. Tobias hat sich daheim Gel in die Haare geschmiert und sie zu einem Hahnenkamm aufgetürmt. Auf den Oberarm malte er sich mit schwarzem Filzstift ein Tattoo. Hier in der Klinik würde er sich gern ein Zimmer mit einem anderen Jungen teilen. Doch das geht nicht, sagt er. „Ich schläger zu viel.“ Und er erklärt ganz sachlich, warum: „Das liegt an den Ausrasters. Die kommen, da kann ich nichts machen.“ Dabei habe er auf der Station doch gelernt, wie wichtig Freunde seien. „Ich hatte eigentlich nie Freunde.“

An seiner Wand hat er Poster aus der Apotheke aufgehängt. Ein Meerschweinchen und ein Füchslein. Sie sind vielfach mit Tesa geflickt. „Da habe ich wenigstens einen Spaß“, sagt Tobias. „Bilder zerstören.“ Daneben klebt ein Zettel mit dem Gedicht vom Traumfresserchen aus einer Geschichte von Michael Ende über ein kleines Monster, das Albträume von Kindern vertilgt. Das habe ihm eine Erzieherin „in einem anderen Heim“ aufgeschrieben und geschenkt.

Bis zu dreimal am Tag schluckt Tobias seine „Bedarfsmedikation“: Dipiperon, ein für Kinder zugelassenes Neuroleptikum. Es soll „die Spitzen nehmen“, Tobias ruhiger und sanfter machen. Die Medikamente erhöhen seinen Appetit, weshalb die Erzieher darauf achten, dass er beim Abendessen nur drei Scheiben Brot isst.

Wenn die Kinder vor dem Zubettgehen ihre Punkte für Wohlverhalten gegen Süßigkeiten eintauschen dürfen, ist Tobias einer der wenigen, die keine Leckereien von zu Hause in ihrer Kiste haben. Die Erzieher füllen seinen Vorrat auf. Sie stecken ihm auch etwas Taschengeld zu. Er kauft dafür meist Geschenke für seine Mutter. Bei einem Elternfrühstück hat er kleine Schokoladen auf ihren Platz drapiert. Sie hat sie achtlos beiseite geschoben. Und doch findet Tobias stets verbindliche Worte für ihr Verhalten: „Meine Mutter will, dass ich noch länger weg bin.“

Der Sozialpädagoge hat oft telefoniert, bis er ein Heim für Tobias gefunden hat. Viele haben den Jungen auf Grund seiner Akte abgelehnt. Eines hat ihm nach einem Probetag abgesagt. Das war schlimm für Tobias. Nun gibt es endlich einen festen Platz, auf einem Bauernhof mit Tieren.

Abschied und Heimweh

Beim Training sozialer Kompetenz sollen die Kinder Tobias Abschied thematisieren. „Soz-Komp“ heißt die wöchentliche Runde bei den Erwachsenen. Für die Kinder ist sie die Dino-Gruppe. Die Kinder sitzen um einen Tisch. Tobias sagt: „Ich bin traurig, weil ich entlassen werde.“ Dabei biegt er eine Büroklammer auf und formt einen Batzen trockenen Klebstoffs zu einer Kugel.

Der zehnjährige Max ist dran und sagt zu Tobias: „Ich wünsch dir viele Freunde in deinem neuen Heim. Und dass du in der Klasse mitarbeitest.“ Tobias schneidet Grimassen. Die Psychologin nimmt ihm den spitzen Büroklammerdraht weg. Er pult weiter an seinem Uhu-Knödel.

Die angstgeplagte Sophia sagt: „Ich wünsch dir, dass du kein Heimweh hast.“ Tobias zieht den Klebstoff zu einem Faden und schlingt ihn um seine Nasenspitze, bis sie blau anläuft. Doch dann will er auch noch etwas sagen: „Ich wünsche euch, dass ihr euch mit euren Eltern versteht. Dass ihr gute Jobs kriegt. Dass ihr klug werdet. Ihr sollt ein schön langes Leben haben.“

Er formt aus seinem Uhu-Knödel ein Herz, legt es auf die Fläche seiner rechten Hand, zeigt es den anderen und sagt: „Ich hab euch gern.“

Gespeichert von schusterleiste am/um Do, 08.09.2016 - 02:26:27

Permanenter Link

Ist doch alles purer Wahnsinn, denn Deutschland versinkt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Jedes Dörflein hat schon eine, und wer noch keine hat, der baut sich eine.

Die Sendung Monitor hat dieses weitere undurchsichtige Geflecht beleuchtet:

http://www.wdr.de/tv/monitor/sendungen/2008/0814/kinderpsychiatrie.php5

Besser wäre, die Eltern kommen in eine Zwangsmaßnahme und ihre Schützlinge bleiben mit einer Familienhelferin zu Hause. So bekommt ja jedes betroffene Kind den Eindruck, du bist hier fehl am Platz, ab ins Heim oder die Psychiatrie.