Gespeichert von LittleBuddha am Mi, 29.11.2006 - 10:17:23





 Eltern müssen sich informieren, heikle Themen ansprechen und das Einhalten von Normen überprüfen. Die sich häufenden Meldungen von Gewalt unter Jugendlichen wecken gerade bei Eltern von Heranwachsenden große Ängste. Wie können sie in den heutigen gesellschaftlichen Umbruchzeiten verhindern, dass ihnen ihre Kinder total entgleiten? «Genau hinschauen und vermehrt Grenzen setzen», sagen die Fachleute.

Die Fachleute sind sich einig: Die Grundlage für ein stabiles Selbstbewusstsein und ein gesundes emotionales Empfinden wird in der Kindheit gelegt. Jugendliche, die schon ganz früh einen respektvollen Umgang auch mit Schwächeren gelernt haben, sind weniger anfällig für Verfehlungen und Entgleisungen. Doch auch bei gut sozialisierten Heranwachsenden wird es generell schwieriger, in einer von den elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten und Bildern geprägten Welt einen Verhaltenskodex durchzusetzen, der sowohl ihrem Alter als auch den gesellschaftlichen Grundwerten entspricht.

«Imitation der Erwachsenensexualität»

«Im ganzen medialen Umfeld der heutigen Jugendlichen werden ungefiltert und ununterbrochen Bilder der breiten Palette der Erwachsenensexualität transportiert. Diese animieren die Heranwachsenden zur Imitation», sagt der Sozialpädagoge und erfahrene Sozialarbeiter Stephan Tiefenbacher, Leiter der ASE Austria. Eine Folge könne sein, dass männliche Jugendliche untereinander prahlen, «wie viele Mädchen sie schon gehabt» hätten und welche Praktiken sie mit ihnen schon ausprobiert hätten. Doch stehe für die Mädchen der Sexualakt gar nicht im Vordergrund. Sich körperlich intensiv erkunden und berühren sei ein wichtiger Aspekt des Pettings unter Jugendlichen, so Tiefenbacher.

Im Fernsehen und vor allem im Internet, dessen Möglichkeiten die Kinder häufig technisch besser handhaben können als ihre Eltern, stoßen aber die Jugendlichen auf einschlägige Phantasien, die sie im Grunde emotional überfordern. Um reagieren zu können, bevor «etwas schief läuft», sollten Eltern genauer hinschauen, was ihre Kinder tun, hält der angehende Kinder- und Jugendpsychologe Tiefenbacher fest. Haben Eltern ein ungutes Gefühl, sollten sie sich nicht scheuen, eines der vielen vorhandenen Beratungsangebote zu nutzen, um mit dem Thema Jugendsexualität besser umgehen zu können. Und vor allem sollten sie nicht aus Angst vor Auseinandersetzungen auf Gespräche mit ihren Kindern verzichten. Zweifellos wehrten sich die Jugendlichen gegen die Einmischung von Erwachsenen. «Aber sie erwarten gleichzeitig, dass die Erwachsenen diese Fragen stellen und sich verantwortungsvoll einmischen.»

Laut Tiefenbacher belegen die sich in den letzten Jahren häufenden sexuellen Übergriffe von Jugendlichen, dass Heranwachsende heute früher über ihre neuen körperlichen Möglichkeiten verfügen. «Aber es mangelt ihnen im Umgang mit ihrer erwachten umfassenden Sexualität noch an angemessener sozialer und emotionaler Handlungskompetenz.» Deshalb sollten Eltern unbedingt fragen und sich auch real vergewissern, wo und mit wem sich ihre Kinder treffen. Und vor allem müssten sie immer wieder überprüfen, ob die Heranwachsenden die geforderten Normen - vor allem, dass ein «Nein» des Gegenübers respektiert wird - einhalten.

«Ich steche dich ab, du Sau»

Die richtigen Fragen zu stellen und vor allem die geltenden Grundnormen durchzusetzen, ist im Alltag allerdings oft schwierig. Von Drohungen wie «Ich steche dich ab, du Sau» oder «Halt die Fresse, sonst kannst du was erleben» berichten immer häufiger Väter und Mütter den Erziehungsberatungsstellen. Die Zahl jener Eltern, welche mit der Erziehung ihrer heranwachsenden Kinder überfordert sind, ist stetig am steigen. Oft sind die Erziehungsberatungsstellen mehrmals pro Woche mit gravierenden Geschichten konfrontiert. So berichten Eltern von ihrer 14-jährigen Tochter, die trotz eingehenden Gesprächen und strikten Anweisungen mit wechselnden Freunden ungeschützten Geschlechtsverkehr hat. Oder sie klagen über Söhne, die sie physisch bedrohen. Manchmal geht es um 12-jährige Töchter, die sich aufreizend kleiden und in zwielichtigen Kreisen verkehren, oder es wird von ebenso jungen Söhnen erzählt, die täglich pornographische Seiten vom Internet herunterladen.

Die Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen der Erziehungsberatungsstellen und nicht zuletzt der Jugendwohlfahrt versuchen, die überforderten Eltern in einer Weise zu unterstützen, dass sie sich bei ihren Kindern wieder besser durchsetzen können. Dazu braucht es eine Verstärkung der elterlichen Präsenz und eine einheitliche Haltung von Vater und Mutter, wenn es zum Beispiel um das Begrenzen des Surfens im Internet geht, wie Tiefenbacher festhält. Gerade bezüglich elektronischer Medien, allen voran des Internets, sei die Kontrolle der Eltern unumgänglich. So lässt ein PC mit eigenem Internetanschluss im Kinderzimmer zu wenig Kontrolle zu. Ist außerdem noch eine Webcam angeschlossen, sei das geradezu fahrlässig. «Im normalen Chat geht es laut Studien fünf Minuten, bis ein Kind von einem Erwachsenen sexuell belästigt wird.» Heikel seien auch zu Gewalt animierende Computerspiele. Tiefenbacher ist davon überzeugt, dass Jugendliche, die solche Spiele exzessiv konsumieren, in Gefahr sind, sie eines Tages real erleben zu wollen, wie das jüngste Beispiel des 18 jährigen Amokläufer aus Emsdetten zeigt.

«Das Zepter in die Hand nehmen»

Grundsätzlich müssen Eltern von Heranwachsenden das Zepter in die Hand nehmen, indem sie die elterliche Verantwortung real wahrnehmen, darin sind sich Experten einig. Nach der autoritären und der antiautoritären Phase sei in der Erziehung nun ein dritter Weg nötig: eine partnerschaftliche und respektvolle Beziehung pflegen - aber gleichzeitig klar machen, dass es Dinge gibt, über die die Eltern entscheiden. «So lässt sich neben Schule und Peer-Group die zentrale Jugendphase der sozialen Integration maßgebend mitgestalten» wie Tiefenbacher abschließend betont.