Submitted by reichmann on Sa, 17.05.2014 - 16:13:30

Landgericht GiessenGIESSEN - (jl). Mit der Vernehmung zahlreicher Zeugen, darunter auch der Vater jenes Schülers, den der 62-Jährige sexuell missbraucht haben soll, wurde gestern das Verfahren gegen den Gießener Grünen-Politiker vor der Jugendkammer des Landgerichts fortgesetzt. Dem Angeklagten wird unter anderem sexueller Missbrauch an Kindern in 110 Fällen vorgeworfen.

Der Vater schilderte dem Gericht, mit dem Angeklagten von 2002 bis zu seinem Wegzug nach der Scheidung im Jahr 2006 ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis gehabt zu haben. Bei den Treffen mit ihm habe dieser immer viel gesprochen, nichts mit besonderem Tiefgang, aber auch nichts Anzügliches. Er und seine Frau hätten damals keinen Grund zur Besorgnis gesehen, wenn die Kinder bei dem Angeklagten waren. Vielmehr habe er den Eindruck gehabt, dass die anderen Eltern froh gewesen seien, wenn sich der 62-Jährige mit ihnen auf dem Spielplatz beschäftigte, so der Vater. Hin und wieder habe er eingegriffen, weil er den Eindruck gehabt habe, dass die Kinder es zu bunt trieben und die Gutmütigkeit des Mannes ausgenutzt hätten. Später sei ihm aufgefallen, dass sein Sohn, wenn er ihn nach der Trennung von seiner Frau mal das Wochenende bei sich hatte, unkonzentriert und zappelig war. Überrascht sei er allerdings gewesen, als es zu einem Elterngespräch in der Schule kam, bei dem die auffallend drastischen sexuellen Ausdrücke des Jungen angesprochen wurden. Später sei ihm aufgefallen, dass sich sein Sohn immer mehr zurückzog, traurig wirkte und teilweise scheinbar grundlos zu weinen begann. Über die Gründe habe er von seinem Sohn nichts erfahren. Selbst dann nicht, als Ende vergangenen Jahres die Vorwürfe gegen den Grünen-Politiker bekannt wurden. Der Vater begründete dies mit einem nicht so guten Verhältnis zu seinem Sohn. Ebenfalls zu Wort kamen gestern zwei Erzieherinnen einer Kindertagesstätte, die die betroffenen drei Kinder besuchten. Beide kannten den Angeklagten und betonten, bei ihm schon bald ein ungutes Gefühl gehabt zu haben. Seine Nähe zu den Kindern sei ihnen suspekt vorgekommen. Auch seine ständige Präsenz auf dem Spielplatz und der „zu nahe Körperkontakt“ hätten ihren Eindruck verstärkt. Als das Gerücht aufgekommen sei, er habe das eine Mädchen „vergewaltigt“, seien sie zusammen zum Kinderschutzbund gegangen, doch da nichts Handfestes vorgelegen habe, hätten sie auf weitere Schritte verzichtet. Beide untersagten aber ihren Kindern den Kontakt zu dem Angeklagten.

 

Keinen persönlichen Kontakt zu dem 62-Jährigen hatte eine 54-jährige Lehrerin, die die zwei Mädchen und den Jungen während der Grundschulzeit in ihrer Klasse hatte. Erst später habe sie im Kollegium von den Vorwürfen gegen den 62-Jährigen erfahren und dass es hierbei um ihre ehemaligen Schüler gehe. Die Pädagogin bestätigte die für sein Alter ungewöhnlich drastischen sexuellen Ausdrücke des Jungen. Sie hatte aber den Verdacht gehegt, er habe sich diese aus Filmen oder dem Internet angeeignet. An einen möglichen Missbrauchsfall habe sie damals nicht gedacht. Die 54-Jährige konnte sich auch erinnern, dass eines der beiden Mädchen eines Tages erzählt habe, sie sei vergewaltigt worden, aber als diese auf Rückfrage erklärte, sie habe Spaß gemacht, habe sie die Äußerung nicht weiter ernst genommen, nur dem Mädchen gesagt, dass dies ein schlechter Scherz gewesen sei. Im weiteren Verlauf der Verhandlung wurden noch Zeugen aus der Nachbarschaft vernommen. Der Prozess wird übernächste Woche fortgesetzt.