Submitted by reichmann on Mi, 11.04.2012 - 16:24:55

Prozess: Erzieher sollen für geringe Verstöße Strafen wie Erbrochenes oder Regenwürmer essen angeordnet haben.

Landesgericht Leoben Pro Juventute

Der Prozess in Leoben findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Schwer lasten die Vor­würfe auf einer Pflege­mutter, die im steirischen Bad Mitterndorf für Pro Juventute Kinder aus zerrütteten familiären Verhältnissen mit Umsicht betreuen sollte. Seit Dienstag steht die 53-Jährige in Leoben vor Gericht. Ein Geheimprozess, denn die Richterin schloss die Öffentlichkeit aus. Zum Schutz der Opfer, nicht der Angeklagten, wie sie betont.

Das Schicksal von fünf Kindern im Alter von fünf bis 13 Jahren rüttelt auf. Die "Erziehungsmethoden" der Frau, zu der alle Mama sagen mussten, waren laut Anklage grausam. Auf dem Fliesenboden schlafen, im Pyjama im Schnee stehen, im Regen ein Gedicht lernen, in einer Dunkelkammer ausharren. Kollektives Versagen ist angeklagt: Der Ehemann, 48, eine Erzieherin, 28, ein Praktikant, 28, sowie die Tochter der Pflegemutter, 27, stehen ebenfalls vor Gericht.

Erbrochenes essen

Laut Anklage wurden Kinder zur Strafe mit Würfelzucker vollgestopft, mit Süßstoff, dem Inneren einer Zitrone und stark gepfefferten Eiern. Ein Mädchen musste einen Regenwurm schlucken, ein anderes ihr Erbrochenes. Die Kinder berichten von Schlägen und Hieben.

Der Schock bei Pro Juventute saß nach Auffliegen des Skandals im Jahr 2010 tief: Seither sei das System um­gestellt, sagt Emanuel Freilinger, der pädagogische Direktor. "Wir haben die Teams professionalisiert. Bei uns gibt es keine Pflegefamilien mehr. Die Groß­familie existiert außerhalb von Betreuungseinrichtungen ja auch nicht mehr." Transparenz und Kontrolle seien nun gegeben.

In Mitterndorf etwa sei das jetzt auch so, dass Betreuer morgens kommen, abends das Haus verlassen und dem Nachtdienst die Aufsicht übergeben. Sieben Kinder leben dort, teils auch noch die Schützlinge der angeklagten Ex-Pflegemutter. Sieben Betreuer kümmern sich um sie.

Die Verquickung der eigenen Familie mit fremden Kindern sei nicht zielführend gewesen, gesteht Freilinger. In den neuen Kinder- und Wohngruppen seien top ­ausgebildete Fachkräfte 365 Tage im Jahr verfügbar. "Auch gibt es therapeutische Maßnahmen außer Haus."