Submitted by reichmann on Do, 26.02.2015 - 02:51:45

Kindersex in Grundschule

Französische Schulen berichten über eine erschreckende Entwicklung: Immer öfter kommt es zu Sexualstraftaten unter Kindern. Die einen sprechen von Vergewaltigung, die anderen von Prostitution.

Der Oralverkehr auf dem Schulklo kostet 25 Euro. "Das glaubt mir nie jemand", sagt Armelle Le Bigot Macaux, "aber die Prostitution hat Einzug in unsere Schulen gehalten." Die Französin ist Präsidentin des Vereins "Agir contre la prostitution des enfants" (Handeln gegen die Prostitution von Kindern). Seit Jahren beobachtet sie, dass in Frankreich immer mehr Jugendliche Sex als Ware betrachten. "Wir sprechen hier von Zwölf- bis 14-Jährigen."

Frankreich wagt sich derzeit an ein Thema, das wohl nicht nur dort verbreitet ist: Sexualstraftaten unter Kindern. Jungs reichen ihre Freundinnen an Kumpels weiter – gegen Geld. "Das ist alles nicht so schlimm. Die echten Küsse bekommt eh nur mein Freund", beteuerten die Mädchen, die ihrerseits unter dem Vorwand des Liebesbeweises zum Sex gezwungen werden. Der Verein von Armelle Le Bigot Macaux tritt derzeit in neun solchen Fällen als Nebenkläger auf.

Oft handelten die Schülerinnen auch auf eigene Rechnung. Dann werde das Dumping um den Preis für den Oralverkehr schon mal zum Problem zwischen Mädchencliquen, berichtet Le Bigot Macaux, die darüber nur den Kopf schütteln kann. Das große Erwachen kommt in der Regel, wenn die Handlungen über die sozialen Netzwerke öffentlich werden. "Dann entlädt sich die ganze Häme über die Jugendlichen, und sie erkennen, dass es weder richtig noch normal war, was sie getan haben", sagt Le Bigot Macaux.

Von solchen Fällen kann auch 32-jährige Claire Berest erzählen. Die ehemalige Lehrerin hat für ein Buchprojekt über die Befindlichkeiten französischer Jugendlicher ein Dutzend Polizisten aus der Jugendschutzabteilung der Pariser Polizei interviewt. Verrohung von Sexualität sei demnach keine Frage des Milieus. "Die Geschichten aus Vorortschulen und prestigeträchtigen Pariser Gymnasien unterscheiden sich nicht", stellt Berest fest.

Das bestätigt auch Vianney Dyèvre, der seit September in Paris die Jugendschutzabteilung der Polizei leitet. Allerdings warnt er vor Alarmismus. Der Begriff Prostitution geht ihm in die falsche Richtung. Für ihn handelt es sich um Vergewaltigungen, mehr und mehr auch in der Gruppe verübt, bei denen Täter und Opfer fast noch Kinder seien. Auf das Schulmilieu will er sich dabei nicht festlegen.

Dass allerdings selbst seine geschulten Beamten manchmal überfordert sind, das leugnet er nicht: "Da steht zum Beispiel eine Zwölfjährige vor Ihnen, die nacheinander Sex mit sieben Jungs hatte. Mit vier von denen war sie einverstanden, mit dreien nicht. Wie verhalten Sie sich da als Polizist?" Zwölfjährige entsprechen nicht dem Bild von Sextätern. "Die Kinder wissen ja gar nicht, was sie da eigentlich tun", sagt Dyèvre. Sex sei für viele von ihnen zum rein technischen Akt geworden. Von den Beamten befragt, verstünden sie oft die Welt nicht mehr: "Das habe ich so im Internet gesehen", heiße es oft zur Erklärung.

Erschreckende Videos sollen wachrütteln

"Wir müssen unsere Kinder wieder für Sexualität sensibilisieren. ,Du bekommst dein Handy erst wieder, wenn du mir einen bläst.' Was sind das denn für Relationen?", fragt Armelle Le Bigot Macaux, die eine Aufklärungskampagne ins Leben gerufen hat. Die sind im Internet zu sehen. Ein Schulranzen, eine halb offene Toilettentür und ein kniendes Mädchen oder mitten in der Nacht, auf einem Waldstück, ein vornüber gebeugter Junge. Die Szenen sind vage, aber eindeutig.

Für Pädagogen hat der Verein "Handeln gegen die Prostitution von Kindern" Informationsmaterial entwickelt, das im Rahmen eines Kolloquiums zum Thema im Oktober vorgestellt wurde. Das Angebot wird Le Bigot Macaux zufolge rege angenommen. "Was beweist, dass wir es hier mit einem verbreiteten Problem zu tun haben und Handlungsbedarf besteht", erklärt sie.

Um Studien und Zahlen zu diesem Phänomen kämpft sie allerdings noch. Damit könnte sie sich Kritikern wie Vianney Dyèvre gegenüber rechtfertigen. Der Verein bezieht sich bislang nur auf Rückmeldungen von Lehrern und von Organisationen, die sich gegen Prostitution einsetzen, und geht darauf basierend von mindestens 5000 Fällen im französischen Schulmilieu aus. Belastbar sind diese Zahlen allerdings nicht.

Schockierende Fälle

Eindeutig belegt hingegen ist, dass in der nordfranzösischen Stadt Lille in diesem Jahr dreimal so viele Kinderprostituierte in Gewahrsam genommen wurden als noch vor zwei Jahren. Eines der 21 Mädchen ist Laura. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, geht sie auf den Strich. Sie ist zwölf Jahre alt.

Offiziellen Schätzungen zufolge verkaufen in Frankreich 4000 bis 5000 Minderjährige ihren Körper. Diese Zahlen bestätigt auch Yves Charpenel. "Vor zehn Jahren waren die Zahlen noch anekdotisch, heute ist Laura kein Einzelfall mehr", sagt er.

Charpenel ist Präsident der Stiftung Scelles, die sich weltweit gegen Prostitution einsetzt. Als Oberstaatsanwalt am Kassationsgerichtshof hat er auch juristisch mit Prostitution zu tun. Er beobachtet, dass sowohl Täter als auch Opfer von Sexualdelikten immer jünger werden. Das sei nicht nur in Frankreich so, sondern weltweit. Schätzungen der Stiftung zufolge seien von den weltweit 40 Millionen Opfern von Prostitution inzwischen 20 Prozent minderjährig.

Ein großer Teil prostituiert sich auf der Straße oder im Internet, ein kleiner Teil in französischen Schulen. Charpenel und seine Mistreiter im Kampf gegen Kinderprostitution wollen darüber nicht länger schweigen: "Was vor dreißig Jahren an unseren Schulen die Drogen waren, das ist heute die Prostitution."