Gespeichert von reichmann am Di, 31.07.2007 - 20:37:02

Missbrauch Pfarrer„Mit Rechtsstaatlichkeit hat das doch nichts mehr zu tun. So geht man nicht mit Opfern um.“ Johannes Heibel, Vorsitzender der „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V“, ist darüber empört, dass ein katholischer Priester, der zuletzt bis zu seiner Beurlaubung im Juli 2002 in Rüsselsheim wirkte und der am 4. Juni 2004 vom Amtsgericht Bad Homburg wegen Missbrauch eines Messdieners zu einer Geldstrafe von 9000 Euro verurteilt worden war, letztlich dennoch straffrei ausgeht.

Nach den Feststellungen des Gerichts hatte der Priester zwischen Mai 1990 und August 1991 eines Nachts im Pfarrhaus eines Dorfs im Taunus einen Messdiener, der auf einem Feldbett neben ihm schlief, am Geschlechtsteil gestreichelt. Als der damals Dreizehnjährige aufwachte, ließ er von ihm ab. Lange blieb der Vorfall unerwähnt. Erst als der junge Mann Jahre später feststellte, dass sein zwei Jahre älterer Bruder offenbar auch ein Opfer des Priesters geworden war, wandten sich beide an Heibels Opferinitiative.

Nun hat der Diplom-Sozialpädagoge erfahren, dass das Landgericht Frankfurt als nächst höhere Instanz kürzlich das Verfahren gegen den beurlaubten Priester unter Verweis auf Paragraf 153, Absatz 2 der Strafprozessordnung (geringe Schuld des Täters und „kein öffentliches Interesse an der Verfolgung“) eingestellt hat. Für den Beschuldigten ist das zwar kein Freispruch, er gilt aber auch nicht als vorbestraft.

Nach Auskunft Heibels ist der betroffene junge Mann vom Ausgang des strafrechtlichen Verfahrens sehr enttäuscht. Den Vorwürfen seines älteren Bruders konnte die Staatsanwaltschaft nicht nachgehen, weil die möglichen Taten schon verjährt gewesen wären.

„Die Einstellung des Verfahrens ist ein verheerendes Signal an andere Betroffene, die nun erkennen müssen, dass sich eine Strafanzeige anscheinend nicht lohnt“, kritisiert der Sozialpädagoge.

Aber auch über die katholische Kirche – bis heute habe sich niemand seitens der katholischen Kirche bei den Betroffenen gemeldet – sind Heibel und die jungen Männer empört. Im Rahmen eines innerkirchlichen Ermittlungsverfahrens gegen den beurlaubten Priester waren die Brüder am 31. Juli 2002 im Beisein Heibels am Bischofssitz in Mainz von einer kirchlichen Kommission vernommen worden. Damals hatte man ihnen bereits gesagt, dass sie nicht das Recht hätten, über das Ergebnis des Verfahrens informiert zu werden.

Aufgrund des neuen Sachstandes hat Heibel nun einen offenen Brief an Karl Kardinal Lehmann geschrieben. Darin heißt es unter anderem; „Als Christ und Mitglied der katholischen Kirche bin ich über diese Handlungsweise der katholischen Kirche entsetzt. Das ist kein würdevoller Umgang mit den Opfern. Darüber hinaus hat meiner Meinung nach insbesondere die katholische Öffentlichkeit ein Recht darauf, zumindest über den Ausgang und die Konsequenzen eines innerkirchlichen Ermittlungsverfahrens informiert zu werden.“

Auf Nachfrage des ECHO teilte die bischöfliche Pressestelle mit, Heibels Brief sei noch nicht eingegangen. Pressesprecher Tobias Blum bestätigte aber, dass der beurlaubte Priester seit Bekanntwerden der Vorwürfe nicht mehr im priesterlichen Dienst stehe und vor einigen Monaten ein sogenanntes Laisierungsverfahren beantragt habe.

Dies bedeute, wie bei heiratswilligen Geistlichen, den Ausschluss vom Priesterdienst. Die Entscheidung darüber falle im Vatikan. Bis dahin ruhe das von Heibel angesprochene Ermittlungsverfahren.

Man werde dessen Brief auf alle Fälle beantworten, kündigte der Pressesprecher an – „aber mit Sicherheit nicht öffentlich.“

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