Submitted by reichmann on Mi, 19.05.2010 - 15:47:33

August Aichhorn-HausDie Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei untersuchen Vorwürfe sexuellen Missbrauchs an Wiener Heimkindern des "August Aichhorn-Haus". Die Opfer sind laut Ö1 gezielt für Sexpartys ausgewählt worden. Vornehmlich sollen bereits missbrauchte Kinder für die perversen Sexspiele ausgesucht worden sein. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe zurück.

Beweisfotos angeblich verschwunden

Die Vorwürfe, die von der "Wiener Zeitung" aufgegriffen wurden, gehen von einem heute 27-jährigen Mann aus, der anonym bleiben will. Er habe bei Putzdiensten erlebt, wie andere unter 14-jährige Mitbewohner sexuell missbraucht wurden. Einen Unternehmer nannte das ehemalige Heimkind als mutmaßlichen Drahtzieher.



Für Sexpartys mit zahlungskräftigen Sadisten seien gezielt Kinder ausgewählt worden, die schon in der Familie sexuellen Missbrauch erlebt hatten, so der 27-Jährige. Den Opfern sei auch mit Mord gedroht worden, sollten sie etwas davon zu anderen Menschen sagen.



Er habe damals Fotos gesammelt, wie er gegenüber Ö1 sagte. Diese Bilder seien aber nach der Übergabe bei der Polizei verschwunden. Der Prozess endete zuletzt im Jahr 2002 aus Mangel an Beweisen mit Freisprüchen.

Opfer: "Mit Bus abgeholt"

"Wir sind mit dem Bus abgeholt worden, um zu putzen, schauen halt, dass unten im Keller die diversen Sexspielzeuge vorher und nachher geputzt werden. Fesseln, SM-Masken, Handschellen", so der heute 27-Jährige.



Und weiter: "Männer unmaskiert in sexuellen Handlungen mit Heiminsassen, Heimkindern, unter 14-, 15-Jährige, die dort mitgemacht haben, Mädels von anderen Heimen, Burschen von anderen Internaten. Von diversen Stellungen bis zu Auspeitschen hast Du alles auf diesen Fotos gesehen."



"Es hat nicht nur Leute gegeben, die uns vergewaltigt haben, sondern auch welche, die haben uns nur gehaut. Glauben Sie mir, ich habe die abartigsten Leute kennengelernt, die Abgründe eines Menschen kann man sich nicht vorstellen", sagte das Opfer.



Und weiter: "Ich war zwischen zwölf und 13, und zu mir haben sie gesagt, wenn irgendwer 'was sagt, dann findet uns keiner. Auf so ein Eisenmetall wurde Säure ausgeleert und das hat ziemlich gezischt. Da hat's geheißen, da werden wir eingelegt und es findet uns keiner. In Säure eingelegt? Ja."

Erste Anzeige erstattet

Die Heimleitung und der beschuldigte Unternehmer wiesen damals wie heute alle Vorwürfe zurück. Auf Initiative ehemaliger Heimkinder und eines ehemaligen Lehrers hat die Stadt erneut eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet, wie es gegenüber Ö1 hieß.



Am 12. April ist die Anzeige der Stadt bei der Staatsanwaltschaft eingegangen. Seitdem wird gegen den mittlerweile 57-jährigen Chef einer Reinigungsfirma, zwei weitere namentlich bekannte Männer und drei derzeit noch nicht identifizierte mögliche Mittäter ermittelt.

Anklage ist noch ungewiss

Derzeit ist aber fraglich, ob es zu einer Anklage und zu einem Gerichtsverfahren gegen den bereits zweimal freigesprochenen angeblichen Haupttäter kommt. Laut Staatsanwaltssprecher Thomas Vecsey hänge das davon ab, ob "nunmehr neue Beweismittel vorliegen, die eine Wiederaufnahme rechtfertigen könnten".



Neue Zeugenaussagen könnten dabei als Beweise gewertet werden, aber keinesfalls die bloße Wiederholung alter Aussagen.

Anwalt: "Da ist nichts dran"

Wie der Anwalt des Beschuldigten, Ralf Mössler, im Gespräch mit der APA betonte, handle es sich bei den nun wieder thematisierten Anschuldigungen um "alte Hüte", die schon seinerzeit von den Sicherheitsbehörden und der Justiz eingehend überprüft wurden: "Da ist nichts dran."



Mössler geht davon aus, dass es sich bei der neuerlichen Anzeige, die bei der Staatsanwaltschaft Wien eingebracht wurde, um die Retourkutsche des Hauptbelastungszeugen handeln könnte, der wegen versuchten Mordes an einem Taxilenker eine langjährige Haftstrafe verbüßt.



Wie Mössler hervorhob, wurden die Wohnungen, in denen die Sexpartys mit den minderjährigen Buben stattgefunden haben sollen, schon seinerzeit von den Ermittlungsbehörden untersucht: "Dort haben teilweise 90 Jahre alte Pensionistinnen gelebt." Sein Mandant sei "in zwei Rechtsgängen mit jeweils umfassenden Beweisverfahren freigesprochen worden. Da kann von einem zufälligen Freispruch keine Rede sein".

Vorwürfe auch gegen Heim

Die bei der Staatsanwaltschaft eingebrachte Sachverhaltsdarstellung enthält auch Vorwürfe gegen das Heim selbst. So soll ein Erzieher einen Zögling sexuell belästigt haben, indem er diesem während des Schlafs auf die Genitalien griff.



Grundsätzlich sollen in dem Heim jüngere unter älteren und kräftigeren Insassen gelitten haben und wiederholt Gewalttätigkeiten ausgesetzt gewesen sein. Die Erzieher sollen oft nicht eingeschritten sein oder "weggeschaut" haben.



Der Sachverhaltsdarstellung zufolge soll es in dem Heim auch ein "Suchtgiftproblem" gegeben haben: Joints waren demnach leicht zu bekommen, zumindest ein Zögling soll unwissentlich sogar als "Drogenkurier" eingesetzt worden sein, indem man ihn mit einem Rucksack zu einem bestimmten Ort schickte, in den ohne sein Wissen Suchtmittel gepackt worden waren.

Heim mittlerweile in Niederösterreich

Die Stadt Wien hat mittlerweile keinen Vertrag mehr mit dem Heim, das von Hietzing nach Niederösterreich übersiedelt ist. Einige Kinder bringe die Stadt dennoch weiterhin dort unter, heißt es vom Jugendamt.



Der Leiter des Heimes, der damals hier in Hietzing tätig war, und es heute an der neuen Adresse noch ist, wollte nichts zu den aktuellen Vorwürfen sagen.

Pinterits mit langjähriger Erfahrung

Bei einer von der Stadt eingerichteten Telefonhotline sollen sich mögliche Opfer melden. Zuständig für diese Opferhotline ist die Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits, die bisher allerdings telefonisch vor allem Meldungen über Misshandlungen und Missbrauch von vor 60 bis 35 Jahren erhalten hat.



Pinterits kennt allerdings auch die Vorwürfe rund um das August-Aichhorn-Haus. Sie war vor zehn Jahren für die Prozessbegleitung der männlichen Zeugen zuständig. Die Aussagen hätten damals plausibel geklungen, deshalb sei sie froh, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden, so Pinterits im Ö1-Interview.

ORF | Bernt Koschuh, Ö1-Radio