Gespeichert von LittleBuddha am Mi, 16.05.2007 - 00:45:05







(Salzburg) Wegen leichter geistiger Beeinträchtigung der Mama soll der kleine Tobias zu Pflegeeltern. Nach einem Gerichts-Gutachten darf das Kind nur in Obhut der Mutter bleiben, wenn „rund um die Uhr“ eine Hilfsperson bereit ist. Das aber ist nicht möglich. Das Jugendamt will deshalb Pflegeeltern für das Kind.

Am sechsten Juni wird der kleine Tobias seinen ersten Geburtstag feiern, von seiner Mutter wird er bis dahin vermutlich schon getrennt sein. Der Grund: Heidi B. (32), seine Mama, ist geistig leicht behindert, hat einen Sachwalter zur Seite gestellt und kann nach einem umfangreichen Gerichts-Gutachten nur dann mit ihrem Kind leben, wenn es „rund um die Uhr“ eine Betreuungsperson gibt, damit die Versorgung und Entwicklung des Kindes nicht gefährdet ist.

Einrichtungen zur langfristigen Betreuung von behinderten Eltern mit ihren Kindern gibt es in Österreich aber nicht – im Gegensatz zu Deutschland übrigens. Und das Mutter-Kind-Heim, wo der kleine Tobias bisher untergebracht war, ist keine Dauerlösung. Die besachwaltete Mutter hat im Mutter-Kind-Heim aber intensiven Kontakt zu ihrem Tobias halten können, jetzt sollen sie auseinander gerissen werden.

Heidi B. (32) würde gerne mit ihrem fast einjährigen Sohn leben und ihn großziehen

Seit der Geburt ist ihr Sohn im Mutter-Kind-Heim. Sie besucht ihn regelmäßig und hat eine intensive Beziehung aufgebaut. Nun soll das fast einjährige Kind zu Pflegeeltern. Die 32-Jährige ist verzweifelt: Die Kontakte könnten dann ganz abbrechen.

Bereits seit der Geburt lebt der kleine Tobias im Mutter-Kind-Heim in Salzburg. Das ist aber auf Dauer nicht möglich. Jeden Tag verbringt die Mutter drei Stunden lang mit ihrem Sohn. „Er sagt schon Mama zu mir, und wir haben Spaß zusammen. Er bringt mich oft zum Lachen. Ich will einfach nur mit meinem Kind leben“, sagt Heidi B. Die Frau hat Volksschule und Sonderschule besucht und vor der Geburt des Kindes als Hilfsarbeiterin in der Geschützten Werkstätte gearbeitet und dort Sicherheitsgurte produziert. Sie ist bereit, jede Unterstützung anzunehmen, will aber nicht von ihrem Kind getrennt werden. Weder in der Familie der Frau noch des Kindesvaters findet Heidi B. mit ihrem Kind die dringend nötige Unterstützung.

Deshalb scheint die Trennung unausweichlich. Das Salzburger Jugendamt hat bereits den Antrag bei Gericht gestellt, Pflegeeltern für Tobias zu bestellen. Man habe auch bereits „sehr wertschätzende und offene Eltern“ gefunden. Der Kontakt zwischen leiblicher Mutter und Kind würde sich damit aber auf ein Minimum, zunächst auf zwei Besuchstage im Monat, beschränken. Für den kleinen Tobias gehe es um ein „stabiles Umfeld“ und vor allem eine rasche Entscheidung. Nach Experten-Ansicht zeigt das Kind bereits „Hospitalisierungs-Anzeichen“.

„Besondere Härte“

Gudrun Hagen, Frauentreffpunkt Salzburg: „Heidi und Tobias müssen getrennt werden, nur weil es in Österreich keine geeignete Einrichtung gibt, wo geistig beeinträchtigte Frauen und ihre Kinder auf Dauer betreut leben können.“ / Foto: Wild&TeamFür Gudrun Hagen vom Salzburger „Frauentreffpunkt“ ist die Entscheidung, das Kind nicht bei der Mutter aufwachsen zu lassen, jedoch nicht nachvollziehbar. „Die Lösung hat zwar das Kindeswohl im Auge, aber vernachlässigt das Recht auf Elternschaft der betroffenen Mutter. Die Trennung bedeutet für die Mutter und Kind eine besondere Härte und einen schweren Einschnitt“, so Hagen.

Es mangelt vor allem daran, dass es in Österreich keine entsprechenden Einrichtungen für Mütter mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen gibt, die eine langfristige und intensive Betreuung benötigen, wie eben Heidi B. und ihr kleiner Tobias. Lediglich stundenweise Unterstützung wird geboten, wie etwa bei Formen des betreuten Wohnens. In Deutschland gibt es zum Vergleich die Organisation „Begleitete Elternschaft“, die geistig beeinträchtigten Eltern mit ihren Kindern auch dauerhafte, stationäre Wohnkonzepte anbietet. Grundgedanke, so Hagen sei bei allen Modellen, „der Erhalt selbstbestimmter Elternschaft.“

„Sehr liebevoll“

Der Sachwalter von Heidi B., Jurist Johann Eder, attestiert der Frau einen „sehr, sehr liebevollen Umgang mit dem Kind.“ Sie versorge das Kleinkind auch ordentlich. Eder: „Mit ein bisschen Mut zum Restrisiko müsste man Muter und Kind nicht trennen. Aber ich verstehe auch das Gericht. Denn wenn es schief geht, wer trägt dann die Folgen?“ Der Rechtsanwalt hat auch bereits Erkundigungen in Deutschland eingezogen, wo die Mutter mit ihrem Kind in einer entsprechenden Einrichtung in Frankfurt untergebracht werden könnte. Allerdings mit Kosten von rund 7000 Euro im Monat. Das Ansinnen könne man den Behörden gar nicht vortragen, so Eder.

Der Jurist schätzt die geistige Stufe seines Schützlings „wie bei einer rund 12-Jährigen ein.“ Aber dazu habe Heidi B. ja gegenüber Behörden und bei Vermögensangelegenheiten einen Sachwalter zur Seite. Auch die Obsorge wurde der jungen Frau noch nicht entzogen.

Gemeinsame Aufnahme

Die einzige Möglichkeit, um Mutter und Kind nicht zu trennen, sei die gemeinsame Aufnahme in eine Familie. Jurist Eder: „Man müsste jemanden finden, der beide aufnimmt. Am besten wäre es, wenn auch eine selbstständige Wohneinheit, eine kleine Einliegerwohnung zur Verfügung stünde.“ Dieser Lösung würde man wohl auch bei Gericht zustimmen. Beinahe hätte es bereits geklappt. Eine Bekannte der jungen Frau hätte sich dazu bereit erklärt, Heidi und Tobias aufzunehmen. Das sei jedoch an der zu kleinen Wohnung und der ganztägigen Berufstätigkeit der Frau gescheitert.

Auch beim Jugendamt würde man sich diesem Modell nicht verschließen, wenn „diese Hilfe jemand über Jahre hinweg leisten kann“. Es sei auch nicht grundsätzlich der Fall, dass „besachwaltete oder beeinträchtigte Frauen ihre Kinder nicht bei sich haben können“. Sylvia Fink, leitende Sozialarbeiterin im städtischen Jugendamt: „Es stehen immer die Bedürfnisse des Kindes dem gegenüber, was die Mutter leisten kann. Es geht um die kontinuierliche Versorgung und Entwicklungschancen für das Kind. Das darf nicht gefährdet sein. Und in diesem Fall gibt es eben Bedenken, auch wenn ich die Mutter ein Stück weit verstehen kann.“

Aber gerade in diesem Fall sehe das Sachverständigen-Gutachten ausschließlich eine „Rund-um-die-Uhr-Hilfe“ vor, um das Kind abzusichern. Noch ist die Entscheidung, so der Sachwalter, „völlig offen“. Es gebe auch noch keine einstweilige Verfügung, weil man die beste Entscheidung für das Kind treffen will. Die Hoffnung von Heidi B. und ihrem Sohn Tobias besteht darin, dass sich eine sehr aufgeschlossene und sozial eingestellte „Ersatz-Familie“ der beiden annimmt. Und das möglichst rasch.


Quelle: Salzburger Fenster / Foto: ©Wild&Team