Gespeichert von reichmann am So, 15.07.2007 - 18:02:39
  Die Nachbarn aus dem Mehrfamilienhaus in Iserlohn erzählen von Andrés kurzem Leben.

Drei Wochen nach seinem Tod steht sein verdreckter Kinderwagen noch im Flur

VERNACHLÄSSIGUNG DER TOD DES KLEINEN ANDRÉ

Drei Kinder spielen vor der Tür, lutschen an grünem Wassereis, die Autos fahren nur langsam - die Sofienstraße ist Tempo-30-Zone. Eine kleine Seitenstraße, direkt hinter dem Stadtkern Iserlohns. Die Häuser von außen gepflegt, so wie das mit der Nummer 20: hell verputzt, mit großen Fenstern. Von innen bietet sich ein anderes Bild. Der Flur: dunkel, auf einer Kommode liegen Kinderschuhe, ausgelatscht. "Bitte den Flur sauberhalten", steht auf einem Zettel an der Wand. Nicht alle im Haus scheinen sich daran zu halten.

Ein Kinderwagen steht im Eingang, der blaue Sitz verdreckt mit alten Brotkrumen. Es war Andrés Wagen. Der drei Monate alte Säugling ist tot, seine Eltern ließen ihn offenbar verhungern und verdursten, in der obersten Etage des Mehrfamilienhauses. Drei Wochen ist das her, am 3. Juli haben sie das Kind beerdigt. Doch jetzt erst wird bekannt: Es war kein natürlicher Tod.

Nachbarin Melanie Kattenstroth und ihr Freund Hansi aus der 1. Etage sind geschockt. Sie kannten die 26-jährige Mutter nur vom Sehen, ein Dreivierteljahr habe sie im Haus gewohnt. "Tanja war eine zierliche Person mit roten Haaren, die nicht viel sagte." Sie reden von ihr in der Vergangenheit. Tatsächlich ist die Frau nach dem Tod ihres Kindes weggezogen. Blass sei sie immer gewesen, so wie auch der 16 Monate alte Sohn Justin und die elfjährige Tochter. Den Kindsvater trafen die Nachbarn des öfteren im Hausflur. "Er hat sich gerne selber reden hören - war ein kleiner Spinner", sagt Hansi, "aber sonst ganz umgänglich."

An jenem Freitag, dem 22. Juni, seien Andrés Eltern völlig aufgelöst zu den Nachbarn gekommen. Tanja habe geweint, erinnert sich Melanie Kattenstroth, habe um eine Zigarette gebeten. André sei blau angelaufen, habe sie gesagt, er müsse dringend ins Krankenhaus. Sie bat die Nachbarn um Hilfe: "Könnt ihr auf den Kurzen aufpassen?"

Man habe ausgeholfen, die älteren Kinder betreut, für eine Stunde. Und war bestürzt: "Justin war verwahrlost", sagt Hansi. "Er hatte Brotkrumen im Gesicht, die waren nicht vom selben Tag." Die Hosen habe Justin voll gehabt, sein Body habe an ihm gehangen wie ein nasser Sack. "Der Junge hat mir leid getan. So behandelt man doch sein Kind nicht", habe er noch gedacht.

Später fragten die Nachbarn nach André. "André sei tot, hat man uns erzählt. Er hätte Zysten im Kopf gehabt", erinnern sich Hansi und Melanie Kattenstroth. Der Vater dagegen habe erzählt, André sei am "plötzlichen Kindstod" gestorben. Gesehen hatten die Nachbarn den Säugling nur einmal nach der Geburt. Da kam er gerade aus dem Krankenhaus. Auch in der Wohnung der fünfköpfigen Familie waren sie nie.

Im Nachhinein mache man sich schon Gedanken: Häufig dröhnten laute Bässe aus der Wohnung. "Heute", sagt Hansi, "denke ich schon darüber nach, ob die laute Musik nicht Andrés Schreie übertönen sollte." Die Vermieterin hörte sie bis ins Erdgeschoss: "Es war häufiger nachts sehr laut." Das sei schon komisch gewesen, "aber man wusste ja nicht, dass die Kinder da oben so leiden". Das Jugendamt, heißt es, sei ja gerade wegen der Lautstärke angerückt.

Tatsächlich hat die Behörde die Familie seit längerem "intensiv betreut", erklärte gestern der ermittelnde Oberstaatsanwalt Wolfgang Rahmer. Eine Sozialarbeiterin war noch drei Tage vor dem Tod des Kindes als Familienbetreuerin in der Wohnung. Das wurde gestern aus dem Rathaus bestätigt - diesem Bau mit dem großen roten Herzen auf der Fassade, in dem auch das Jugendamt untergebracht ist. Es liegt so nah: Könnte man um die Ecke gucken, wäre das Haus von Andrés Familie von dort zu sehen.

Warum nicht reagiert wurde? Der Oberstaatsanwalt ermittelt: "Ich erwarte von einer öffentlichen Behörde noch mehr Verantwortungsbewusstsein als von einer Familie, die offensichtlich aus desolaten Verhältnissen kommt." Möglicherweise werde es einige Monate dauern, bis die Vorwürfe gegen die Mutter und ihren Partner aufgeklärt seien: "Sie könnten sich ja darauf berufen, dass die Behörde da war und keinen Anlass zur Beanstandung hatte."

Auch die Polizei hatte das Jugendamt noch Anfang Juni über die "unhaltbaren hygienischen Zustände" informiert: Die Beamten suchten damals den Bruder von Andrés Mutter. Beide wurden Mittwoch wegen einer Betrugsserie verurteilt; die vorbestrafte 26-Jährige zu einer Bewährungsstrafe. Im Prozess ging es am Rande um den ungeklärten Kindstod. Die Heimatzeitung zitiert die Frau: "Da möchte ich hier nicht drüber sprechen."

Dafür reden in Iserlohn am Freitag die Leute. "Wenn ich so etwas höre, könnte ich heulen", sagt Karin Busch, die ein Kind durch eine Krankheit verloren hat. Und eine Verkäuferin kann es nicht fassen: "Aus Großstädten ist man einiges gewohnt. Aber aus einer Kleinstadt. . ."

13.07.2007  WAZ (Jimena Salloch)