Gespeichert von LittleBuddha am Mi, 11.04.2007 - 16:42:32

Jugendamt"Kinder sind die Zukunft." Mit diesem Slogan nimmt sich das Erste in einer Themenwoche mit Filmen, Reportagen und Dokumentationen dem Thema "Kindsein in Deutschland" an. Ein überfälliger Beitrag in einer Zeit, in der - so scheint es zumindest - immer häufiger Schreckensmeldungen über unterernährte Säuglinge, misshandelte Kleinkinder und vernachlässigte Jugendliche schockieren. Tagtäglich gibt es neue Einsätze für deutsche Jugendämter. Eigentlich zum Schutz der Kinder da, sieht sich die Behörde dennoch ständiger Kritik ausgesetzt. Handeln sie zu früh, wird über die "Kinderklau-Behörde" geschimpft. Kommen sie zu spät, sind sie die "Versager". "Manchmal ist man ein hilfloser Helfer", sagt Uta Abs. Seit zwölf Jahren arbeitet sie fürs Jugendamt Greifswald. Die Autorinnen Gesine Enwaldt und Eilika Meinert begleiteten sie bei der Arbeit und dokumentieren in einer aufrüttelnden "ARD-exclusiv"-Reportage die bisweilen traurige Realität deutscher Kinder.

Es ist eine Gratwanderung zwischen Unterstützung und Bevormundung. In den zwölf Jahren beim Jugendamt musste Uta Abts erst lernen, dass Erziehungsfragen Angelegenheit der Eltern sind. Dass in manchen Wohnungen in jedem Raum ein Fernsehgerät steht, kann die zweifache Mutter immer noch nicht gut heißen. Doch Uta Abs - eine von 44 Mitarbeitern, die rund 500 Familien betreuen - ist nun mal nicht für den Fernsehkonsum der Kinder, sondern für ihr Wohlergehen zuständig.



Regelmäßig besucht sie die 33-jährige Sandra. Die Mutter dreier Kinder ist mit ihren elterlichen Pflichten komplett überfordert und ständig gereizt. Viel zu sehr ist sie mit ihren eigenen Sorgen, wie der Trennung von ihrem Problempartner, beschäftigt, um einen Blick für die Nöte ihrer Kinder zu haben.

Uta Abs' größte Angst ist, "dass irgendwann etwas passiert, hinter den verschlossenen Fenstern", hinter die sie nun mal nicht blicken kann. Wo kein Kläger, da kein Richter, und ohne Kläger kann das Jugendamt nicht einschreiten. Die Mitarbeiter sind auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen.

Ein solcher ging am 28. Februar 2006 nachts um 23.45 Uhr ein. "Sowas habe ich in meiner ganzen 15-jährigen Dienstzeit noch nie gesehen", erinnert sich Polizeihauptmeister Bodo Glowczewski. In einer Wohnung finden die Beamten fünf Kinder im Alter zwischen einem und 13 Jahren. Das Baby lag in einem abgeschlossenen, überhitzten Raum. Zwei der Kinder waren an den Füßen ans Bett gefesselt. Eines von vielen Schicksalen, das "auf den Flipcharts der Behörde landet." "Sie sind völlig erschöpft. Die Traurigkeit steht in ihren Augen", schildert eine "Bereitschaftsmutter" die Verfassung der Kleinen am nächsten Morgen.

Umso unverständlicher, dass die Kinder wenige Wochen nach dem Einsatz wieder der Mutter, die dem Jugendamt bereits bekannt war, übergeben wurden, wenn auch unter strengen Auflagen. Unweigerlich taucht die Frage auf: Hätte all das verhindert werden können? "Schuldzuweisungen sind schwierig", weiß Filmemacherin Eilika Meinert. "Heute ist bekannt, dass die Trennung von den Eltern oder aber von den Geschwistern Kinder schwer traumatisieren kann. Das Jugendamt sagt sich: 'Besser eine schlechte Familie, als gar keine.'" Dennoch: "Diese Entscheidung erscheint auch uns unverständlich."

18.4.2007 um 21 Uhr 45, ARD





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ARD Themenwoche - Kinder sind die Zukunft