Submitted by reichmann on Sa, 03.05.2014 - 12:38:23

Kindesmisshandlung

Rheinland-Pfalz - Wegen Verdachts auf Misshandlung wurden zwei Kinder für sechs Monate aus ihrer Familie genommen. Später stellte sich heraus, dass vermeintliche Blutgergüsse die anzeichen einer erblichen Erkrankung waren. Strittig ist nun, ob das Gutachten einer renommierten Mainzer Forensikerin dafür sorgte, dass die Kleinkinder in Pflegefamilien untergebracht wurden.

Die Mainzer Rechtsmedizinerin Dr. Bianca Navarro-Crummenauer hat einen bundesweiten Ruf als Vorkämpferin gegen häusliche Gewalt. Ihre Gutachten helfen Erwachsene zu überführen, die Kinder oder Jugendliche misshandeln. Nun soll ausgerechnet Navarro dazu beigetragen haben, dass einer Familie Unrecht geschah?

Ein Elternpaar aus Mutterstadt fordert Schadensersatz von Dr. Navarro beziehungsweise vom Rechtsmedizinischen Institut an der Mainzer Unimedizin: Weil Navarro in einem Gutachten fälschlicherweise von einem hochgradigen Verdacht auf Misshandlung gesprochen habe, seien ihnen die damals 18 und 7 Monate alten Söhne weggenommen und sechs Monate lang getrennt in Pflegefamilien untergebracht worden.

Misshandlung in der Pflegefamilie?

Der Ältere, Marvin (Name geändert), soll in seiner Pflegefamilie misshandelt worden sein. Bei der Schadensersatzforderung orientiert sich die Anwältin der Familie, Ariane Paulus, an einem Urteil aus München. Dort sprach das Landgericht 2009 einer Familie 20 000 Euro zu, weil die kleine Tochter nach einer Falschbegutachtung vier Wochen lang von ihren Eltern getrennt war.

"Dr. Navarro hat die Kinder nie gesehen", klagt Marvins Vater. Sie habe auch keinen Radiologen hinzugezogen, um MRT-Aufnahmen fachlich zu beurteilen. Daher habe sie nicht erkannt, dass Blutergüsse im Gehirn beider Kinder nicht von Misshandlungen stammten, sondern Folge eines erblich bedingten Wasserkopfes sind, an dem beide Kinder leiden.

Begonnen hatte alles mit einem eher geringfügigen Autounfall der Familie im April 2012. Marvin ist damals fünf Monate alt, sein kleiner Bruder noch nicht geboren. Fünf Tage lang wird Marvin in der Uniklinik Mannheim untersucht. Die Ärzte finden einen Bluterguss im Gehirn. Mit dem schwachen Aufprall allein sei der aber nicht zu erklären gewesen, erläutert die aus einer Sat.1-Sendereihe bekannte Anwältin Paulus.

Bis heute ist zwischen Marvins Eltern und Dr. Navarro umstritten, wie die Ärzte der Uniklinik Marvins Befund interpretieren und insbesondere, was sie in den Behandlungsunterlagen festhalten. Nach Angaben von Marvins Vater gibt es schon damals den Verdacht auf erblich bedingten Wasserkopf, medizinisch: Hydrocephalus. Die Betroffenen haben als Babys bis zum siebten Monat ein hohes Risiko für Hirnblutungen schon bei kleinen Stößen und Erschütterungen. Der Bluterguss und die bei Marvin offensichtlichen Entwicklungsverzögerungen wären am besten durch den Hydrocephalus zu erklären.

Anfang 2013: Ein Dreivierteljahr nach dem Unfall ist Marvin zur Nachkontrolle wieder in der Uniklinik Mannheim. Inzwischen ist sein kleiner Bruder auf der Welt. Elton (Name geändert) ist vier Monate alt und ebenfalls in der Entwicklung seiner Bewegungsfähigkeit verzögert. "Da war eine neue Ärztin", berichtet ihr Vater von Marvins Kontrolluntersuchung. Das Gespräch kommt auf die Schadensersatzforderungen der Familie an den Unfallgegner. In diesem Zusammenhang habe die neue Assistenzärztin angeboten, eine ihr bekannte Gutachterin hinzuzuziehen. "Sie hatte aber den Verdacht, dass wir beide Kinder misshandeln, und schaltete das Jugendamt ein."

Dr. Navarro erhält vom Klinikum Behandlungsunterlagen für Marvin und Elton. In ihrem Gutachten vom 25. Mai 2013 schreibt sie von einem hochgradigen Verdacht auf Misshandlung. Möglicherweise habe heftiges Schütteln zu Schütteltraumata geführt. Dann geht alles ganz schnell. Das Jugendamt des Rhein-Pfalz-Kreises beantragt die Herausnahme der Kinder aus der Familie, das Familiengericht Ludwigshafen ordnet sie an.

Den 29. Mai 2013 wird die Familie nie vergessen: "Da stand bei uns das Jugendamt mit Polizei und Gerichtsvollzieher vor der Tür: Wir würden die Kinder misshandeln", erzählt der Vater. Marvin und Elton werden sofort mitgenommen. "Es hieß: Gefahr im Verzug." Der kleine Elton erlebt in den ersten drei Tagen drei Pflegefamilien, bis klar ist, wo er bleiben kann. Der eineinhalbjährige Marvin kommt in jene Familie, gegen die seine Eltern nun schwere Vorwürfe erheben.

Bei den wöchentlichen Treffen mit ihren Kindern fallen den Eltern bei Marvin Hämatome an Oberschenkel und Schienbein auf. Eines der Hämatome am Oberschenkel sieht für Marvins Vater nach dem Abdruck von fünf Fingern einer Hand aus. Der Vater dokumentiert alles fotografisch. Einmal habe Marvin ein rot geschwollenes Ohr mit dem Abdruck eines Fingernagels gehabt, berichtet er. Die Pflegefamilie habe verschiedene Erklärungen abgegeben. Erst habe es geheißen, Marvin sei von der Couch auf den Couchtisch gefallen. Später, der Abdruck am Ohr stamme von einem Legostein. Ein rechtsmedizinisches Gutachten der Unimedizin Heidelberg bestätigt den Verdacht auf Misshandlung in der Pflegefamilie.

Das Jugendamt des Rhein-Pfalz-Kreises teilt den Verdacht indes nicht. Das Mal an Marvins Ohr und die Blutergüsse an den Beinen "rührten von der im Sommer entdeckten Bewegungsfreudigkeit Marvins her", erklärt die Kreisverwaltung. Das Kind habe seine neu gewonnenen Fähigkeiten zu klettern und zu laufen "in vielfältiger Weise" erprobt.

Erst als sie sich an das Familiengericht Ludwigshafen wenden, finden die Eltern Unterstützung. Ein neues Gutachten im Auftrag des Gerichts kommt zu dem Schluss, eine Misshandlung durch die Eltern sei extrem unwahrscheinlich. In der Zwischenzeit hatten Genanalysen bei beiden Kindern und ihrer Mutter abschließend geklärt, dass alle drei einen erblich bedingten Wasserkopf haben. Das Gericht entscheidet im Eilverfahren: Im November 2013 können die Kinder nach Hause. Marvin ist bis heute in Traumatherapie bei einer Psychologin.

Gutachterin verteidigt sich

Die Mainzer Rechtsmedizin will sich auf Anfrage nicht inhaltlich äußern, da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt. Dr. Navarro sagt unserer Zeitung, als Gutachterin habe sie den konkreten Auftrag des Jugendgerichts gar nicht überschreiten dürfen - das heißt Begutachtung nach Aktenlage und ohne eine Untersuchung der Kinder selbst. Einen Radiologen habe sie deshalb nicht hinzugezogen, weil die Befunde aus der Mannheimer Uniklinik bereits Bewertungen von einem Kinderradiologen enthielten. Dieser habe keinen Verdacht auf Wasserkopf geäußert. Außerdem seien Gutachter nicht verantwortlich für die Konsequenzen, die Jugendämter aus den Gutachten ziehen.

Der Rhein-Pfalz-Kreis erklärt dazu, das Jugendamt habe gar nicht anders handeln können: Es sei auf medizinische Begutachtungen angewiesen. Hätte das Amt nach Navarros Gutachten die Kinder nicht aus der Familie genommen und hätte auch das zweite gerichtliche Gutachten den Misshandlungsverdacht bestätigt, wären Gesundheit und Leben der Kinder "in erheblichem Maße gefährdet gewesen".