Gespeichert von reichmann am Sa, 15.01.2011 - 16:50:38

Bernhard HaaserDer Vater des toten Luca, Bernhard Haaser, über die grausamen Parallelen zum Fall Cain und warum er weitere Opfer befürchtet. Luca Kinderschutz-verein erstattete bereits Strafanzeige gegen die Bregenzer Jugenwohlfahrt

Es war vergangenen Dienstag, 8.17 Uhr, als Bernhard Haaser über den Verein Luca Anzeige gegen die Bregenzer Jugendwohlfahrt erstattete. Der vom Stiefvater tot geprügelte kleine Cain sei beinahe ein zweiter "Fall Luca". Luca Elias ist sein Sohn. Gestorben 2007 an den schweren Misshandlungen, die der neue Freund der Mutter dem 17 Monate alten Kind zugefügt hatte.

Eiligen Schrittes kommt der 42-jährige Kufsteiner, seine süße, siebenjährige Tochter Emina im Schlepptau, zum Interview in die Meierei im Wiener Stadtpark. Schwarze Lederjacke, Dreitagesbart, über der rechten Halsschlagader ein japanisches Tatoo. "Mich bezeichnen sie bis heute als Querulant", stellt er gleich zu Beginn des Gesprächs fest. Das werde auch bei seiner Anzeige im "Fall Cain" wieder so sein.

Seine Anzeige gegen die Bregenzer Jugendwohlfahrt wird der Verein in der kommenden Woche noch um einige Paragrafen und Anklagepunkte erweitern, auch einzelne Personen und Ämter anzeigen.

Mit traurigen Augen betrachtet er die beiden Fotos von Luca und Cain, die vor ihm auf dem Tisch liegen, so als wären die beiden Geschwister gewesen. "Warum sind sie gestorben?" will Emina wissen. Als der Vater keine Antwort gibt, sagt sie: "Du musst endlich die Mörder fangen."

KURIER: Wie haben Sie Ihrer Tochter erklärt, was mit ihrem kleinen Halbbruder passiert ist?
Bernhard Haaser:
Wie würden Sie das einem Kind erklären? Mein Sohn ist an Missbrauch gestorben. Luca hatte Serienrippenbrüche durch Penetration des 1.90 Meter großen Täters mit vollem Körpergewicht, Armbrüche, verschiedenste Hämatome und andere Verletzungen, aber am Ende starb er an einem Gehirntrauma, hervorgerufen durch sexuelle Brutalität. Ich habe Emina und ihrer Schwester Adriana diese Details erspart. Aber ich werde eines Tages den Obduktionsbericht veröffentlichen. Möglicherweise über einen weissrussischen Server. Gut möglich auch, dass ich Akten und Beweise über das Zusammenspiel von Politik, Justiz und Behörden, die ich besitze, WikiLeaks zuspiele. Nur im Moment hat Herr Assange andere Sorgen.

Was geht in Ihrem Inneren vor, wenn Sie scheinbar gefasst diese unvorstellbare Gewalt an einem Baby schildern?
Man fällt in ein tiefes Loch, nachdem so etwas geschehen ist. Man lebt damit, aber wenn es dunkel und ruhig wird, dann möchte man … Greift sich an den Hals, dann schießen ihm Tränen in die Augen. - Meine beiden anderen Kinder - für mich ist Luca noch immer da - sind der einzige Grund, warum ich noch am Leben bin. Ihre Fröhlichkeit, ihre Unschuld.

Wer hilft Ihnen über Ihr Trauma hinweg?
Niemand. Dass die Zeit alle Wunden heilt, ist jedenfalls ein vollkommener Blödsinn. Richtig böse werde ich, wenn Leute sagen: Ich kann dich gut verstehen. Keiner kann mich verstehen, keiner, dem nicht dasselbe widerfahren ist.

Freunde?
Nicht mehr. Ich hatte sehr viele Freunde. Nicht einer ist geblieben. Du wirst gebrandmarkt wie ein Aussätziger. Obwohl ja nicht ich Lucas Mörder bin. Der sitzt in Stein im 3. Stock in - man kann das so sagen - einer Luxussuite. Und kann alles haben, was er will. Er kriegt sogar Pornos dort.

Was hat der Fall des kleinen Cain diese Woche in Ihnen ausgelöst?
Ein Déjà vu-Erlebnis. Als erstes haben sich die Funktionäre des Jugendamtes hingestellt und erklärt: Uns trifft keine Schuld. Die Wahrheit ist, dass der Polizei sehr wohl bekannt war, dass Miroslav M. gewalttätig war, dass es Hinweise aus der Umgebung der Mutter auf dessen Drogensucht gab. Das glaubt ja kein Mensch, aber diese Hinweise werden einfach nicht gehört. Das war schon nach Lucas Tod so. Das Jugendamt hat mich immer spüren lassen, dass ich nur ein Vater bin. In Österreich hat ein Vater, der sich trennt, nur noch ein Recht: Das zu zahlen.

Sie sollen für Ihren Sohn keine Alimente bezahlt haben.
Das ist nicht ganz richtig. In den neun Monaten, in denen ich noch mit der Mutter von Luca zusammen war, war es ja nicht nötig, Alimente zu zahlen. Sie bekam immer Geld, wenn sie was brauchte. Die Summe, die ich ihr nachher noch schuldig war, - 1200 Euro - ist längst beglichen.

Zurück zum Fall des kleinen Cain: Ist es nicht unfair, jetzt den Jugendämtern die Schuld zu geben, die noch dazu meist chronisch unterbesetzt sind?
Das ist die billigste Ausrede. Dort arbeiten Beamte, die um 17 Uhr die Stechuhr auslösen. Aber der Missbrauch schläft nicht, der kennt kein Wochenende, keine Heilige Sonntagsruhe. Da geht es um das Wichtigste, was es gibt, um Kinder. Es braucht in der Jugendwohlfahrt Menschen mit Hausverstand und nicht solche, die nach System arbeiten. Es hat sich nichts geändert. Rein gar nichts.

Was müsste sich denn ändern?
Die Behörden müssten sich vernetzen, es müsste alles viel schneller gehen. Die Überheblichkeit, die Selbstgefälligkeit der Beamten ist zum Teil unerträglich. Väter und Mütter werden nicht gleichermaßen ernst genommen. Es werden dort munter Gesetze gebrochen, es gibt Drohungen und Einschüchterungen, offene Aggressionen, Schikanen. Dieses System muss endlich aufbrechen.

Wie viele Fälle betreut Ihr Kinderschutzverein im Moment?
17 in ganz Österreich. Wir hoffen auch, dass sich Cains leiblicher Vater bei uns meldet, obwohl er momentan eine Haftstrafe verbüßt.

Haben Sie noch manchmal Schuldgefühle, dass Sie als leiblicher Vater Ihren Sohn nicht beschützen konnten?
Wie hätte ich das anstellen sollen? Meinen Sohn abholen vielleicht und mitnehmen? Dann wäre ich als Kindesentführer in den Häf"n gekommen, und Luca zurück zu seiner Mutter. Dann wäre er halt ein paar Monate später gestorben. Ich habe bis heute keine Akteneinsicht in Tirol bekommen. Und eine zweite DNA-Probe von Luca ist einfach verschwunden, unabsichtlich zerstört worden.

Was hätte sie beweisen sollen?
Ich bin überzeugt, dass es im Falle meines Sohnes mehrere Täter gegeben hat.

Gehen Sie noch manchmal auf Lucas Grab?
Ich gehe noch auf Lucas Grab. Öfter, allein. Obwohl mich der Bürgermeister von Achenkirch an Allerheiligen, das ist Lucas Todestag, gefragt hat: Muss das sein, unbedingt am 1.? Ich störe offenbar ihre Heilige Ruhe.

Das klingt sehr verbittert.
Ich zweifle schon lange an diesem Staat und einer Gesellschaft, in der das Gut Aiderbichl für seine Viecherln Millionen bekommt und der Kinderschutzverein am Hungertuch nagt, in der Leute Hundebesitzer, die ihr Tier über die Straße zerren, zurechtweisen, aber nicht Menschen, die ihre Kinder auf offener Straße grob und schlecht behandeln.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?
Dass Luca und Cain nicht umsonst gestorben sind. Dass es endlich in die Köpfe aller Verantwortlichen hineingeht, was sie anrichten mit ihrer Ignoranz, Vorverurteilung und Ablehnung jeglicher Interventionen. Gelingt das nicht, werden noch mehr Kinder sterben müssen, bis sich endlich etwas ändert.

Kurier | Conny Bischofsberger

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