Gespeichert von reichmann am Mo., 12.05.2014 - 12:50:38

Unabhängig von den jeweiligen Ursachen für die Wünsche nach den Operationen ist die Frage der Entwicklung von Entscheidungskompetenz und die Entscheidungsreife des Einzelnen zu bedenken. Forschungen zeigen, dass die Gehirnbereiche, die bei Entscheidungsfindungen, Problemlösungen und dem Umgang mit Gefühlen eine wesentliche Rolle spielen, erst mit etwa 25 Jahren ausgereift sind.

Adoleszente haben noch nicht die Fähigkeiten von Erwachsenen, komplexe Situationen nüchtern und klar zu beurteilen und die langfristigen Konsequenzen von Entscheidungen zu überblicken. Das gilt insbesondere für Entscheidungen von so weitreichendem Ausmaß wie „geschlechtsumwandelnde“ Operationen, die den Körper unwiderruflich verstümmeln und zu lebenslanger Unfruchtbarkeit verurteilen.

Eltern befürworten es meist nicht, wenn ihr Kind sich selbst schneidet oder anderes selbstverletzendes Verhalten zeigt, selbst wenn das Verhalten dazu dient, Gefühle zu regulieren und Stress abzubauen. Eltern, auch wenn sie es noch so gut meinen, sollten auch der Zerstörung gesunder Geschlechtsorgane bei Minderjährigen nicht zustimmen, selbst wenn auf diese Weise der psychische Stress der Geschlechtsdysphorie betäubt wird. Chirurgen und Therapeuten sollten Eltern dabei zugewandt unterstützen.

In der Fachzeitschrift Pediatric Annals wurde der Wunsch eines dreizehnjährigen Jungen besprochen, der eine Hormonbehandlung beginnen wollte, um sich dann mit 18 Jahren den Operationen zu unterziehen: „In der Vorgeschichte ist bedeutsam, dass er körperlich misshandelt wurde und deshalb außerhalb des Elternhauses untergebracht wurde. Ein Jahr zuvor war er auf einer psychiatrischen Station wegen Suizidgefahr. Die Suizidgedanken standen in Zusammenhang mit seiner Wut, die wiederum mit der als konflikthaft erlebten Geschlechtsidentität des Jungen zu tun hatte. Zusätzlich hatte er ADHS... Er ist ausschließlich mit männlichen Partnern sexuell aktiv und sieht sich selbst als heterosexuelle Frau. Bei Analverkehr benutzt er in der Hälfte der Fälle ein Kondom. Vor einem Jahr wurde ein HIV-Test durchgeführt, der negativ war. Nach eigenen Angaben hat er nur wenige Freunde, denn ‚keiner ist wie er’.“38

Die Ärzte, die den Antrag des Dreizehnjährigen beurteilten, gingen leider nicht auf das Offensichtliche ein: Wenn der Junge nicht bereits HIV-positiv ist, wird er es vermutlich bald sein. Stattdessen äußerte einer der Ärzte seine Besorgnis darüber, „dass unsere Gesellschaft geschlechtliche Uneindeutigkeit nicht akzeptiert“. Angemessener wäre es gewesen, darauf hinzuweisen, dass der Dreizehnjährige Opfer anhaltenden sexuellen Missbrauchs ist und geschützt und therapeutisch behandelt werden sollte – statt ihn auf den Weg für die „geschlechtsumwandelnden“ Operationen zu schicken.


38 Listernick, Robert, A 13-Year-Old Boy Who Desires Gender Reassignment, Pediatric Annals, 32/6, Juni 2003, S. 378–382.