Gespeichert von reichmann am So, 04.07.2010 - 07:43:56

JugendamtINHR kritisiert schon seit Jahren die Missstände in der Jugendwohlfahrt und in den Kinderheimen und fordert dringende Abhilfe. 12.000 Kinder leben derzeit in Heimen und sind teilweise unglaublichen Zuständen ausgesetzt.

Die Experten zum Missbrauch in den Tiroler Heimen tagen letztmalig. Geld für Therapien sowie eine Jugendwohlfahrt „neu“ werden gefordert.

Innsbruck – Für den kommenden Mittwoch ist die (vorläufig) letzte Sitzung der Expertengruppe zum Thema Missbrauch in Tirols Heimen und Internaten angesetzt. Dort stand, wie berichtet, vielfach bis in die späten 80er Jahre exzessive Gewalt an der Tagesordnung, wurden Kinder sexuell missbraucht, gedemütigt und gebrochen.

Bis zum 7. Juli soll nun die Empfehlungsliste von den Experten (u.a. Historiker Horst Schreiber, Erziehungswissenschafter Josef Christian Aigner, Psychotherapeut Martin Christandl, Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser) ausgearbeitet sein, die offiziell dem Landeshauptmann übergeben und dann in den einzelnen Punkten von der Landesregierung beschlossen werden muss. Auch wenn die „Forderungen“ (die eigentlich nur Empfehlungscharakter haben) offiziell noch geheim sind, gelten einige als sicher: ein Opferfonds zur Übernahme der Kosten für psychotherapeutische Maßnahmen und/oder Entschädigungszahlungen. Ob es eine genaue Angabe über die Höhe des Fonds geben wird und nach welchen Kriterien Geld ausgeschüttet wird, ist noch offen und könnte Gegenstand der letzten Sitzung sein. Zudem ist zu klären, wie die Stadt Innsbruck (die auch Heimerhalter war) zu Zahlungen herangezogen wird. Sicher scheint aber, dass man sich an die Vorgehensweise der Kirche anlehnt, die erstmals auf der letzten Bischofskonferenz in Mariazell Details zu Opferzahlungen verlauten ließ.

Äußerst wichtig ist den Experten zudem die sofortige und lückenlose historische Aufarbeitung der Heimgeschichte Tirols und die Setzung von Präventionsmaßnahmen. Aber auch hier taucht die Frage auf, ob die Regierung bereit ist, Geld zur Verfügung zu stellen oder ob der zuständige LR Gerhard Reheis Geld aus seinem Budgettopf lockermachen muss.

Um Missbrauch und Gewalt in Zukunft zu verhindern, muss laut Experten die Kontrolle der Jugend-, Behinderten- und Altenheime durch das Land Tirol verstärkt werden, was wiederum mit Kosten (für mehr Personal) verbunden ist. Zudem sei ein neuer Weg einzuschlagen, weg von großen Heimen, hin zu ambulanten Einrichtungen und mobilen Hilfsdiensten. Hier befürchten die Experten, dass es einem starken Widerstand der großen Heime, die derzeit vom Land am meisten unterstützt werden, geben könnte. Da auch die therapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen seit Langem im Argen liege (überfüllte Kinderpsychiatrie), gelte es, raschest zu handeln, so die Experten.

Ganz oben auf der Liste steht weiters die Jugendwohlfahrt, für die es ein neues Konzept und eine personell bessere Ausstattung geben müsste. Dass es bei der Jugendwohlfahrt hinten und vorne nicht passt, will Manfred Jenewein, Sprecher von Reheis, nicht so sehen. „Es gibt natürlich an allen Ecken und Enden Wünsche, aber von Notstand kann nicht die Rede sein.“ Zurückhaltend zeigt sich auch Jürgen Micheler, Pressesprecher von LH Günther Platter, zum Thema Opferfonds. Dass Platter in einem früheren Interview Geld für den Fonds bereits fix zugesagt hat, sei nicht richtig. Noch wisse man nicht, wie die Empfehlungsliste aussehe, „und auch dann werden wir erst sehen“, sagt Micheler.

www.tt.com | Brigitte Warenski | inhr