Gespeichert von reichmann am Do., 26.10.2006 - 10:25:46

Die Stellen seien finanziell wie personell gut ausgestattet gewesen - trotzdem musste der sieben Monate alte Justin sterben. Sein Vater soll ihn aus Ärger über sein lautes Geschrei mit heißem Wasser verbrüht haben. Und das Jugendamt soll nicht gehandelt haben.

Bochum - Nach dem gewaltsamen Tod des sieben Monate alten Justin ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das Bochumer Jugendamt. Während des laufenden Schwurgerichtsprozesses gegen die Mutter und den Stiefvater des Kindes leitete die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. Hintergrund sind möglicherweise Versäumnisse bei der Betreuung der Familie. „Wir ermitteln wegen fahrlässiger Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung“, bestätigte die Staatsanwaltschaft Berichte verschiedener Medien. Das Jugendamt räumte inzwischen Fehler ein.


Auslöser für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sollen die Strafanzeige eines Bürgers sowie die Aussage einer Jugendamtsmitarbeiterin während des Prozesses gewesen sein.

Der Stiefvater soll den kleinen Justin im vergangenen November aus Ärger über das Geschrei unter der Dusche mit heißem Wasser verbrüht haben. Rund 15 Stunden lang kämpfte der Junge gegen den Tod - dann starb er an den Folgen. Einen Notarzt verständigte die Familie nicht. Seit August müssen sich der Stiefvater (29) und die Mutter (22) von Justin wegen Mordes vor Gericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft vermutet auch, dass der Stiefvater noch für andere Misshandlungen in Frage kommt. So hatte Justin bereits im Alter von sechs Wochen einen Oberschenkelbruch erlitten. Laut Anklage hat er den Säugling an den Beinen gepackt und so heftig durchgeschüttelt, bis es knackte. Außerdem wurden bei der Obduktion der Babyleiche ältere Knochenbrüche an beiden Oberarmen sowie am Schlüssel- und am Schienbein festgestellt.

Nach dem Knochenbruch hatten Ärzte Verdacht geschöpft und die Behörde eingeschaltet. Wie im Prozess bekannt wurde, fanden zwar Besuche bei der Familie statt, aber weniger, als die Ärzte angeregt hatten. Außerdem sollen von den geplanten Besuchen aus verschiedenen Gründen auch noch einige ausgefallen sein, sagte ein Gerichtssprecher.

Der Leiter des Jugendamtes, Dolf Mering, erklärte, dass das Krankenhaus zunächst nur Hinweise gegeben habe, dass die Mutter ihren Sohn im Krankenhaus nicht regelmäßig besuchte und die Behörde sich um die häusliche Situation kümmern solle. Als das Kind entlassen wurde, seien mit der Mutter auch wöchentliche Besuche mit einer Sozialarbeiterin und einer Kinderkrankenschwester vereinbart worden.

Erst drei Wochen später habe das Krankenhaus in einem Brief an eine Kinderärztin und in einer Durchschrift an das Jugendamt Hinweise auf mögliche Misshandlungen gegeben. „Diese Durchschrift hat nicht zu einer Neubewertung der Situation geführt. Das Jugendamt hat an dieser Stelle einen Fehler gemacht“, sagte der Amtsleiter. Konsequenzen hätten eine Erhöhung der Besuchszahl oder die „Inobhutnahme“ des Kindes sein können.

Einen Rücktritt wegen des Falles lehnte Sozialdezernentin Sophie Graebsch-Wagener ab. Seit dem Fall arbeitete die Stadt an einem Frühwarnsystem, um solche Fälle zu verhindern. Sowohl Klinik- als auch Kinderärzte seien gefordert, über Verdachtsmomente zu informieren. 2005 habe das Jugendamt 128 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Am Geld liege es nicht. Die Stellen seien finanziell wie personell gut ausgestattet.

WELT.de/dpa