Gespeichert von reichmann am Mi., 03.11.2010 - 01:46:22

Max EdelbacherAuch drei Jahre, nachdem sich Natascha Kampusch aus der Gefangenschaft ihres Entführers befreit hat, ist der Fall nicht restlos geklärt. Der frühere Chefermittler Max Edelbacher äussert sich zum Fall, der Österreich wieder bewegt.

Der Fall Kampusch beschäftigt weiterhin die Justiz und die Öffentlichkeit in Österreich. Jetzt verlangt eine Expertenkommission des Innenministeriums weitere Ermittlungen. Natascha Kampusch sei in Lebensgefahr, weil der Entführer Wolfgang Priklopil höchstwahrscheinlich nicht alleine gehandelt habe. Was ist dran an dieser Annahme?

Die Mitglieder der Kommission sind über die Untätigkeit der Polizei verärgert. Wahrscheinlich haben sie deshalb die Öffentlichkeit gesucht. Das geht vor allem aus den Aussagen hervor, die der bekannte Kriminalpsychologe Thomas Müller, der ebenfalls Kommissionsmitglied ist, kürzlich in einem Interview im österreichischen Fernsehen gemacht hat.

Die österreichische Bundeskriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft halten offensichtlich nichts von der Mehrtäter-Theorie der Expertenkommission. Warum stemmen sie sich gegen weitere Ermittlungen?

Ich kann nur darüber mutmassen, warum Polizei und Staatsanwaltschaft eine andere Meinung haben. Entweder spielt das Schutzbedürfnis von Natascha Kampusch eine so wichtige Rolle, oder es sind sehr prominente Personen in den Fall Kampusch verwickelt. Eine Wissensaussage dazu kann ich nicht abgeben.

Was sagen Sie zur These, wonach der Entführer Wolfgang Priklopil Komplizen gehabt haben muss?

Ich bin ein Vertreter der Mehrtäter-Theorie. Das war ich schon immer, da die wichtigste Zeugin bei ihrer Ersteinvernahme entsprechende Aussagen gemacht. Und sie hat diese Aussagen bis jetzt aufrechterhalten.

Als Wiener Kripo-Chef haben Sie von 1998 bis 2002 die Ermittlungen im Fall Kampusch geleitet. Was ist bei den Ermittlungen schief gelaufen?

In der Anfangsphase nach der Entführung im Jahr 1998 war sicher die Überprüfung von Wolfgang Priklopil zu schwach. Dieser Mangel trifft nach der Selbstbefreiung von Natascha Kampusch im Jahr 2006 auch auf dessen besten Freund sowie die Mutter von Priklopil zu.

Wurde auch das familiäre Umfeld von Kampusch nicht genügend untersucht, insbesondere die Männer von Kampuschs Mutter, die wechselnde Bekanntschaften gehabt haben soll?

Das Verhalten der Mutter von Kampusch war tatsächlich von Anfang an eigenartig. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Zum Umfeld von Priklopil stellen sich heute noch folgende Fragen: Was wissen der Freund von Priklopil, der ihn - nach der Selbstbefreiung von Kampusch - zum Ort des Selbstmordes brachte und danach aus dem Haus Priklopils angeblich «Werkzeug» abholte. Und was ist der Mutter von Priklopil bekannt?

Welche Aspekte im Fall Kampusch müssten bei neuen Ermittlungen nochmals untersucht werden?

Die genauen Umstände der Entführung, auch das Zusammenleben von Kampusch und Priklopil: Diese zentralen Fragen sind noch offen. Auch die Frage, was andere gewusst haben, ist nicht beantwortet.

Hat Natascha Kampusch bisher nicht die ganze Wahrheit gesagt?

Es ist anzunehmen, dass Kampusch mehr sagen könnte, als sie getan hat.

Wenn dies zutrifft: Was könnten die Motive von Kampusch sein?

Frau Kampusch wird sicher schweigen, wenn das vermutete Netzwerk von Mitwissern und allfälligen Mittätern noch existiert.

Die Expertenkommission sieht Kampusch in Lebensgefahr. Was ist Ihre Einschätzung?

Eine Lebensgefahr ist wohl nicht konkret gegeben. Es ist ja davon auszugehen, dass Kampusch nicht auspackt.

Müssten die Strafverfolger bei allfälligen neuen Ermittlungen nicht versuchen, Kampusch nochmals zu befragen?

Ob es Sinn macht, Kampusch zu befragen, ist sehr fraglich.

Was sagt der Umgang der Justiz mit dem Fall Kampusch über Österreich aus?

Die Justiz hat wahrscheinlich zu sehr auf die Opferkomponente geachtet.

Wird der Fall Kampusch je so aufgeklärt, dass er mit gutem Gewissen ad acta gelegt werden kann?

Die Expertenkommission, die jetzt an die Öffentlichkeit getreten ist, und ihr Präsident Ludwig Adamovich sind ein gewisser Garant dafür. Aber in Österreich ist oft «alles ganz anders».

Max Edelbacher (64), früherer Kripo-Chef von Wien und Chefermittler im Fall Kampusch, untersteht auch nach seiner Pensionierung dem sogenannten Beamtendienstrecht. Aufgrund einer Weisung des österreichischen Innenministeriums darf er zum Fall Kampusch keine detaillierten Angaben machen.

Bernerzeitung.ch | INHR