Submitted by reichmann on Mi, 19.09.2007 - 11:01:03
   

Über zwei Millionen Kinder in Deutschland leben unterhalb der Armutsgrenze. Selbst für eine warme Mahlzeit reicht das Geld zu Hause oft nicht aus. Für diese Kinder gründete Pastor Bernd Siggelkow (43) die Berliner Suppenküche „Arche“. In seinem Buch „Deutschlands vergessene Kinder“ erzählt er die erschütternden Geschichten seiner kleinen Besucher.

Paula († 15)* – als das Jugendamt sie in ein Heim steckt, schnüffelt sie sich zu Tode.

Es waren nur die engsten Familienangehörigen auf den kleinen Brandenburger Friedhof gekommen – ungefähr 20 Erwachsene und eine Handvoll Jugendlicher. Sie wollten Abschied nehmen von der 15-jährigen Paula, die nur wenige Tage zuvor gestorben war.

Paula wuchs in einer Familie mit fünf Geschwistern auf. Ihre Mutter war mit der familiären Situation überfordert.

Immer wieder wurde sie von ihren Partnern verlassen. Jedes Kind stammte von einem anderen Mann. Vier von ihnen wuchsen – zumindest zeitweise – in verschiedenen Heimen auf.

Paula kam zusammen mit ihrer Freundin in die „Arche“, denn allein hätte sie sich sicher nicht getraut. Wir lernten sie als ein zurückhaltendes Mädchen mit einem netten und höflichen Wesen kennen. Sie war ein Beziehungsmensch; andere waren ihr immer sehr wichtig.

Schon früh hatte sie erkannt, dass andere Menschen auch Probleme haben – ihre Mutter, ihre Geschwister, ihre Freunde. So stellte sie eigene Interessen oft hintan und kümmerte sich um andere. Deshalb genoss sie es auch, in der „Arche“ von unseren Mitarbeitern selbst einmal Zuneigung zu erfahren. Natürlich gab es auch Konflikte, denn als Teenager sucht man auch seine Grenzen, doch Paula fing sich immer wieder.

Aber Paula hatte noch ein weiteres großes Problem: Sie ging nur sehr unregelmäßig zur Schule. Das Problem wurde so groß, dass sich das Jugendamt einschaltete.

Es reagierte auf ihre dauerhafte Schulverweigerung schließlich mit der Einweisung in ein etwa 100 Kilometer entferntes Heim für sozial auffällige Jugendliche.

Dies konnte ein neuer Anfang für Paula sein. Aber Paula sah dies anders. Schließlich blieb das zurück, was ihr am wichtigsten schien: ihr Freundeskreis. Nur unwillig folgte sie dem Druck des Jugendamtes und zog nach Brandenburg.

Eines Tages, knapp sechs Monate später, stand Paula mit einem Lächeln im Gesicht im Flur unserer Jugendeinrichtung, was vor allem deshalb überraschend war, weil zu dieser Zeit keine Schulferien waren.

„Paula, was machst du hier? Warum bist du nicht in Brandenburg?“ Diese Frage musste das Mädchen an diesem Tag zigmal beantworten. „Im Heim gibt es keine oder so gut wie keine Betreuung“, erklärte sie. Keine Betreuung? Und darüber beschwerte sie sich? Eigentlich wollen junge Menschen doch so wenig Kontrolle und Betreuung wie möglich, doch Paula fühlte sich offensichtlich alleingelassen.

Alle unsere Mitarbeiter – und auch ich – versuchten, mit Engelszungen auf sie einzuwirken. „Geh wieder zurück“, rieten wir, „sonst gibt es Ärger mit dem Amt. Geh wieder zurück, du verbaust dir sonst deine Zukunft.“

Nach zwei Tagen setzte Paula sich wieder in den Zug und fuhr zurück nach Brandenburg.Nicht einmal eine Woche später ging ein Gerücht durch unser Zentrum, das niemand wahrhaben wollte: „Paula ist tot!“

Doch leider war es mehr als nur ein Gerücht. Als Paulas Mutter vor uns stand und es uns bestätigte, blieb uns allen die Luft weg.

An einem Abend, als die Jugendlichen aus dem Heim zusammen gesessen hatten, war jemand auf die Idee gekommen, Feuerzeuggas zu schnüffeln. Einige von ihnen hatten das schon ausprobiert.

Das Ganze schien harmlos zu sein. Das Gas wurde in eine Tüte gegeben und „aufgeschnüffelt“, um einen besonderen Kick zu erleben.

Alles ging gut – bis Paula an der Reihe war. Sie nahm die Tüte mit dem Gas in die Hand, hielt sie sich über Mund und Nase und atmete tief ein, doch das Resultat war ein anderes als das Erwünschte. An diesem Abend verlor Paula ihr Leben.

Seitdem sind zwei Jahre vergangen, doch ich werde immer wieder mit Paulas Tod konfrontiert.

Wie viele Kinder und Jugendliche gibt es noch in unserem Land, die sich nicht gut genug betreut fühlen, die Wärme und Aufmerksamkeit brauchen und Menschen, die ihre Zeit in sie investieren?

Paulas Tod hat mir gezeigt, dass wir uns noch stärker für unsere nachwachsende Generation einsetzen müssen.

Quelle:

FOTO: Peter Müller, dpa