Gespeichert von reichmann am So, 19.06.2011 - 11:40:44

Psychisch krankAlarmierende Studie: 900.000 Österreicher nahmen 2009 wegen psychischer Probleme Leistungen der Krankenkassen in Anspruch.

Psychische Leiden nehmen stark zu.

Diese starke Wachstumsdynamik macht uns betroffen und ist beunruhigend." So kommentiert Christoph Klein, Generaldirektor-Stellvertreter des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, das Ergebnis der "Ist-Analyse: Psychische Gesundheit". Sie wurde vom Hauptverband und der Salzburger Gebietskrankenkasse erstellt:



- Rund 900.000 Österreicher erhielten 2009 wegen psychischer Leiden Leistungen der Krankenversicherung (Medikamente, Krankengeld, stationäre Aufenthalte). "Knapp mehr als die Hälfte der Betroffenen war älter als 60 Jahre. Das ist insoferne erstaunlich, als die öffentliche Diskussion von Problemen der Arbeitswelt - Stichwort Burn-out - und der psychischen Situation von Kindern und Jugendlichen dominiert wird", so Klein.

- 840.000 Österreicher erhielten 2009 Psychopharmaka verschrieben. 2006 waren es "nur" 740.000.

- Rund 35.000 Patienten konnten 2009 Psychotherapie "auf Krankenschein" in Anspruch nehmen, rund 30.000 Patienten erhielten Kostenzuschüsse in der Höhe von 21,80 € pro Therapiestunde (die zumindest 80 € kostet). Ärzte mit dem Diplom für psychotherapeutische Medizin versorgten rund 65.000 Patienten.

- Rund 78.000 Menschen waren 2009 wegen psychischer

Diagnosen im Krankenstand. Krankenstände als Folge psychischer Leiden machen zwar nur 2,5 Prozent aller Krankenstände aus: Aber sie steigen doppelt so stark wie die Krankenstände wegen körperlich bedingter Krankheiten (siehe Grafik) - und dauern fast vier Mal so lange (40 versus elf Tage).

- Rund 32 Prozent der krankheitsbedingten Frühpensionierungen erfolgten 2009 aus psychischen Gründen, 2005 waren es 24 Prozent.

- Insgesamt zahlen die Kassen jährlich rund 750 Millionen Euro für die Behandlung psychischer Erkrankungen.

Ursachen

Für den starken Anstieg gibt es zwei Erklärungen: Einerseits nehmen stressbedingte - z. B. Erschöpfungsdepression, Burn-out - und altersbedingte psychische Erkrankungen (Altersdepression, psychische Belastung durch Einsamkeit) zu. "Andererseits ist heute die Hemmschwelle, sich behandeln zu lassen, geringer", sagt der Psychiater Univ.-Prof. Karl Dantendorfer.



"Diese starke Zunahme - gerade auch bei der Arbeitsunfähigkeit - erzeugt viel menschliches Leid, aber auch enorme Kosten", sagt Klein: "Ob Kindergarten, Schule, Arbeitswelt, Altenwelt - wir benötigen mehr Präventionsangebote und müssen früher eingreifen. Aber damit sind wir als Krankenversicherer alleine überfordert." Die Sozialversicherung werde auf der Basis der nun vorliegenden Daten eine "Strategie Psychische Gesundheit" entwickeln, kündigte Klein an.

Reaktionen

"Die Zahlen sind dramatisch", sagt Ulla Konrad, Präsidentin des Psychologenverbandes. Gerade der hohe Psychopharmaka-Konsum zeige deutlich, "dass es dringend an der Zeit ist, eine öffentlich finanzierte psychologische Behandlung im niedergelassenen Bereich zu ermöglichen". In der Psychologie gebe es viele Methoden, Menschen schon frühzeitig zu unterstützen, mit gesellschaftlichen Anforderungen besser umzugehen: "Rechtzeitige Prävention könnte helfen, einen Teil der Kosten von 750 Millionen Euro zu reduzieren."



"Es gibt in Österreich einen Mindestbedarf an klassischer Psychotherapie für 400.000 Menschen", sagt Eva Mückstein, Präsidentin des Bundesverbandes für Psychotherapie: "Demgegenüber ist die tatsächliche Versorgung trotz eines Anstiegs immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau." Zugangshürden - teilweise lange Wartezeiten auf einen Kassenplatz bzw. hohe Selbstkosten - müssen abgebaut werden.

Pilotprojekt: Sechs Wochen Rehabilitation statt Frühpension

Gerhard F., 46, ist im mittleren Management tätig. Der Druck, der auf ihm lastete, führte dazu, dass die Krankenstände häufiger und länger wurden. "Er hat schließlich selbst erkannt, dass er es alleine nicht mehr schafft", sagt Gerda Reschauer, Sozialarbeiterin und wirtschaftliche Leiterin des "Zentrums für seelische Gesundheit LEOpoldau". In diesem Pilotprojekt versucht man, psychisch kranke Menschen mit einer sechswöchigen ambulanten Therapie - die Patienten fahren jeden Abend nach Hause - wieder ins Arbeitsleben zu integrieren bzw. in diesem zu behalten. Damit soll die Zahl der Frühpensionierungen gesenkt werden. "Seit der Gründung im Herbst 2010 haben wir rund 400 Klienten betreut", erzählt Reschauer. Rund die Hälfte ging unmittelbar nach der Therapie an den Arbeitsplatz zurück - oder nahm berufliche Rehabilitationsmaßnahmen wie Umschulungen in Anspruch.

Für die Therapie steht ein Team aus Psychiatern, Psychotherapeuten, Psychologen, Ergo- und Physiotherapeuten sowie Sozialarbeitern zur Verfügung. Es gibt Einzel- und Gruppentherapie. "Unser Ziel ist es, die Menschen rechtzeitig aufzufangen. Das gelingt auch in vielen Fällen." Wie bei Gerhard F.: Er ist bereits wieder an seinem Arbeitsplatz.

KURIER | Ernst Mauritz